Schlagwort-Archiv: Flucht

Blutsschwestern

Als Menachem Begin 1977 zum Premierminister gewählt wurde, war einer seiner ersten Aufträge an seinen Mossad-Chef: „Bringt mir unsere Brüder“, womit er die Juden in Äthiopien meinte. „Falaschen“ ist der abschätzige Begriff, den christliche Äthiopier für die Juden Äthiopiens verwenden, die sich selbst als „Beta Israel“ bezeichnen. Bis 1984 kamen über 8000 äthiopische Juden nach Israel. Der gefährliche Weg führte über temporär eingerichtete Camps an der äthiopisch-sudanesischen Grenze. Tausende verloren beim Versuch über diese Camps nach Israel zu gelangen ihr Leben. Blutsschwestern weiterlesen

Strapaziertes Glück

tomashov 1

„Ungefähr in dem Abstand, in dem wir uns gerade gegenüber sitzen, saß ich Eichmann gegenüber. Am 8. April 1944 in Budapest” erzählt mir Robert Tomashov an einem späten Abend, wenige Wochen vor seinem 100. Geburtstag, als er darauf wartet, dass ihm die diensthabende Schwester seinen Daumen verbindet, den er sich beim Versuch Tee aufzukochen, verbrüht hat. Am 8. April 1944, so fährt er in einer Erzählung fort, habe er von Schergen der Gestapo Peitschenhiebe bekommen, dass er dachte sein Kopf falle herunter. Er habe Eichmann angefleht ihn zu verschonen, doch der habe nur entgegnet: “Hinüber zu den anderen Banditen”, was bedeutete, dass er für den Transport nach Auschwitz bestimmt war.
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Die Jeckes (pt.1+2)

© Florian Krauss
© Florian Krauss

Der vierteilige Text über die deutschen und kulturdeutschen Einwanderer, die in den 1930er Jahren nach Palästina eingewandert sind und zu Mitbegründern des Staates Israel wurden, beinhaltet Teile des Vortrags “Zionismus und Schlafstunde”, den ich im Juni 2014 in Stuttgart und im Dezember 2016 in Bergisch Gladbach gehalten habe. Er basiert auf unzähligen Gesprächen mit den Jeckes im Elternheim “Pinkhas Rozen”, einem Treffen mit der Kuratorin des Museums der deutschsprachigen Einwanderer in Tefen, der Lektüre aller Ausgaben des Yekinton in den letzten acht Jahren und mehrerer Bücher, die ich in Tefen erstanden habe. Darüber hinaus gilt mein besonderer Dank an Opa Eran für den Einblick in historische Zeugnisse aus der Zeit der fünften Aliya.

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Der Wille zu leben

© Florian Krauss
© Florian Krauss

Über die schrecklichen Dinge, die er durchgemacht hat, schwieg Pessach Anderman sechzig Jahre. Er habe eine Stahlwand um die Vergangenheit errichtet, sagt der Holocaustüberlebende. Er habe die Gegenwart gelebt mit vielen Zukunftshoffnungen und habe nicht gewollt, dass seine Kinder im Schatten seiner düsteren Erlebnisse aufwachsen.

Als seine Enkelkinder erwachsen wurden, fühlte er sich verpflichtet seine Geschichte zu erzählen und hat sie in dem Buch “כוח החיים” niedergeschrieben. Um künftigen Generationen von Israelis zu verstehen zu geben, woher sie gekommen seien und sie für den weiteren Aufbau ihrer Nation zu stärken.
Und um künftigen Generationen von Nicht-Israelis die Begründung für den jüdischen Staat darzulegen. Der Wille zu leben weiterlesen

Flüchtlingsschiffe

© Florian Krauss
Arie und ich im Heim © Florian Krauss

1924 kehre Natan Perlmann aus Königsberg Deutschland den Rücken. Mit seiner Frau und seiner einjährigen Tochter Elisheva wanderte der deutsche Jude nach Palästina aus. Deutschland, so befand er seit seinem Ausscheiden aus der Armee, sei zu antisemitisch. Er kaufte sich mit dem Geld seines Vaters eine Orangenplantage bei Petach Tikva, wo Elisheva aufwuchs.

Ebenfalls 1924 ist Arie Erez als Louis Holzmann im zweiten Bezirk Wiens geboren, dem Bezirk, in dem „die meisten Juden der Stadt lebten“, wie er sagt. Dem heute 91jährigen ist sein Alter kaum anzusehen. Seine stattliche Größe präsentiert er in aufrechtem Gang. Arie ist ein Kavalier der alten Schule, geistig frisch und stets wohlgelaunt.

Seiner Kindheit wurde ein Ende bereitet, als Österreich 1938 heim ins Reich kam. 1939 verließ Arie Wien, um mit einem illegalen Transport über die Donau ans Schwarze Meer und von dort nach Palästina zu gelangen.

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