Zeitzeugen pt.2

Ich lebe seit 2007 in Israel und habe durch meine Arbeit im Elternheim und außerhalb des Heims viele Menschen kennengelernt, die älter sind als der Staat Israel. Manchen habe ich kurze Einträge auf Facebook gewidmet. Auch vielfachen Wunsch habe ich die Posts hier zusammengetragen.


Henni Rotschild

(facebook post vom 16/9/17)

Ich habe im Oktober 2010 angefangen auf der Pflegestation des Elternheims zu arbeiten. Ich arbeite mit Menschen, für die der Aufenthalt auf Station der letzte (leidvolle) Abschnitt eines langen und ereignisreichen Lebens ist. Das Leben jedes einzelnen Bewohners ist eng mit der Weltgeschichte verknüpft und jede persönliche Geschichte, die ich höre ist gleichzeitig ein geschichtliches Zeugnis. Henni Rothschild, geborene Henni Luise Sturm – hier auf dem Bild mit ihrer Betreuerin Varda – war eine der 36 BewohnerInnen der Pflegestation, als ich meine Arbeit begonnen habe. Henni stammte aus München, wo sie in der Geyerstraße aufwuchs.
Henni hat mit mir manche Erinnerung an den Viktualienmarkt und das Oktoberfest geteilt. Besonders gerne hat sie sich an Ausflüge mit Freundinnen zum Skifahren erinnert. Gerne hätte sie an ihrem Lebensabend noch einmal Schnee gesehen. Manchmal haben wir ein wenig Alpenpanorama auf 3sat geschaut.
Als sie 17 Jahre alt war, erlebte sie die Reichspogromnacht. Ängstlich sass die Familie Sturm in ihrer Wohnung, nicht wissend, was als Nächstes kommen würde. Der Lärm des Pogroms drang durch die Fenster und die nahegelegene Synagoge ging in Flammen auf. Die Fabrikantenfamilie fasste endgültig den Entschluss zur Flucht. Obwohl die Ausreise schon lange Thema war, konnten sich ihre Eltern nicht dazu durchringen, Deutschland tatsächlich den Rücken zu kehren. Dabei wurden sie von den meisten Nachbarn schon seit der Machtübernahme durch die Nazis als Juden angefeindet. So zionistisch ihr Vater eingestellt war, so schwer fiel es ihm sich von seiner Fabrik für Pappen nahe dem Isar-Ufers und seinen Angestellten zu trennen.
In Tel Aviv fiel es ihren Eltern zunächst sehr schwer sich zurechtzufinden. Das heiße Klima und die sozialistischen Ideale der jüdischen Pioniere befremdeten die liberalen Münchner Bildungsbürger. Hauptintegrationsproblem war aber die Sprache. Ihre Eltern hatten Mühe Hebräisch zu lernen und sprachen weiter Deutsch. Auf der Straße wurde ihnen deswegen zum Teil feindselig begegnet. Einmal wurden sie als „Hitlerzionisten“ beschimpft.
Wie so viele Jeckes (wie die deutschen Juden bezeichnet wurden) fanden sie in der Kammermusik eine Brücke in ihre verlorene deutsche Heimat und zu ihrer geliebten Kultur.
Henni Rothschild sass an den kamermusikalischen Abenden im Wohnzimmer der Familie oft am Klavier.
Ein paar Jahre nach ihrer Einreise heiratete sie einen Einwanderer aus Dinslaken und zog mit ihm nach Jerusalem, wo sie eine Familie gründeten. Dort erlebte sie die Belagerung der Stadt während des Befreiungskriges mit und den Hunger. Ihr Beitrag zum israelischen Aufbauwerk war die Gründung eines Hilfsvereins für autistische Kinder. Obwohl sie an der deutschen Kultur hing hat sie Deutschland Zeit ihres Lebens abgelehnt. Sie ist nie wieder nach München zurückgekehrt und hat nie geglaubt, dass sich die Deutschen geändert haben.
Als ich mich im Frühjahr diesen Jahres auf meine Vorträge über die Jeckes und meine Arbeit in Heim vorbereitet habe, habe ich realisiert, dass Frau Rothschild als Einzige der 36 BewohnerInnen, die im Oktober 2010 auf Station lagen, noch am Leben war. Ich habe bei meinen Vorträgen von ihr erzählt. Sie war einer der liebsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Als ich zurückkam war auch sie gestorben.

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Ze’ev Hirschberg

(facebook post vom 3.10.17)

Ze’ev 2016 © Florian Krauss

Die Rückseite der 20 Schekel Banknote wird von einer Aufnahme geziert, die Rekruten der jüdischen Brigade auf dem Weg zu einer Rede von Chaim Weizmann zeigt. Einer von ihnen ist der 1925 in Berlin geborene Ze’ev Hirschberg.

Unter dem Eindruck der Reichspogromnacht wurde Ze’ev 1938 von seinen Eltern auf ein Auswandererlehrgut bei Schniebinchen geschickt. Im April 1940 gelangte er so an ein Einreisezertifikat der Jugendaliya für Palästina. Im Hadassa Kinderdorf Meir Shafia bei Zikhron Ya’akov schloss er sich der Hagana an, der jüdischen Untergrundarmee in Palästina. Im Kibbutz Geva in der Yizrael Ebene, schloss er sich mit anderen Jugendlichen zu einer Vorbereitungsgruppe für die Bildung eines neuen Kibbuz zusammen. Als die Briten 1944 die Jüdische Brigade gründeten, bestimmte die Jewish Agency, dass jede Vorbereitungsgruppe einen Mann für die Brigade abzustellen hatte. Es wurde gelost und das Los fiel auf Ze’ev. Am 7. Dezember 1944 zog er mit anderen Rekruten zur Rede von Chaim Weizmann, wo das Bild entstand, das heute die 20 Schekel Note ziert.

Ze’ev gelangte über Alexandria und Marseille nach Eindhoven. Er wurde für die Bewachung verschiedener Militäreinrichtungen und Gefangenenlager in Holland und Belgien eingesetzt. Mit anderen Soldaten der Jüdischen Brigade sammelte er Waffen ein und schmuggelte diese in Fahrzeugen der Britischen Armee in die Hände der Hagana. Neben dem Militärdienst und dem Waffenklau verteilte die Jüdische Brigade Teile ihrer Lebensmittelrationen an jüdischen Flüchtlinge in den DP Camps. Bei den Fahrten lernte Ze’ev Lastwagen zu lenken.

Bevor die Jüdische Brigade im Sommer 1946 in Gent aufgelöst wurde, suchten Emissäre der Hagana unter den Soldaten nach Freiwilligen für die Fluchthilfe Bricha. Die Bricha war die Antwort auf das über Palästina verhängte Einreiseverbot, dessen Durchsetzung für die Briten mit der Festsetzung der Juden im Nachkriegseuropa begann. Ze’ev war einer von 120, die sich für die Ausschleußung rekrutieren ließen. An Stelle der 120 Soldaten wurden Holocaustüberlebende, die ihnen relativ ähnlich sahen, “zurück” nach Palästina geschickt. In den Ausweispapieren waren Personenbeschreibungen, aber keine Bilder.
Ze’ev Hirschberg gelangte in ein ehemaliges Militärlager Mussolinis nach Bergamo, wo die Bricha ein Seminar unterhielt. Dann wurde er als Fahrer nach Meran abkommandiert.

In Meran waren die Fluchthelfer als Joint Mitarbeiter getarnt und verfügten über Dodge Lastwagen aus Beständen des amerikanischen Militärs und GMC 6 Wheeler, die vom Britischen Militär geklaut und zu Fahrzeugen des Joint umlackiert wurden. So lenkte Ze’ev solche Lastwagen, deren Steuer rechts und solche, deren Steuer links war.

Zehntausende Juden gelangten bis Anfang 1947 zum Fluchtknotenpunkt Salzburg. Von dort führte der Weg Richtung Mittelmeer weiter über Deutschland oder das französisch besetzte Tirol. Die Exodus Route über Tirol führte zunächst nach Saalfelden nahe der amerikanisch-französischen Zonengrenze. Dort bestand seit Sommer 1946 der Kibbuz Givat Avoda von wo es in Postzügen mit doppelten Trennwänden die DP Lager “Wiesenhof” und “Gnadenwalderhof“ in Gnadenwald bei Innsbruck zu erreichen galt. Über Landeck ging es für die Flüchtlinge weiter an den Reschenpass, von wo sie Wegweiser der Bricha, sogenannte „Bergkriecher“ illegal über die österreichisch-italienische Grenze führten. Ze’ev und seine Kameraden vom Stützpunkt Merano nahmen die Flüchtlinge zwischen 22 und 23 Uhr von den „Bergkriechern“ in Empfang.

Die Flüchtlinge hatten nichts außer einem Handbündel und den Kleidern, die sie am Leib trugen. Für Gespräche war kaum Zeit.

Ze’ev und seine Kameraden fuhren die Menschen landeinwärts und verteilten sie auf mehrere Bahnhöfe in Oberitalien. Die Tarnung für die Flüchtlinge war, aus Inneritalien nach Meran gekommen zu sein, um Urlaub zu machen.
Nach etwas Schlaf hatten Ze’ev und seine Kameraden ihre Fahrzeuge zu warten.

Einmal, so erzählt Ze’ev mit Berliner Schnauze, seien sie nach JWD abkommandiert worden – „janz weit draußen“. Bei Bari sollten sie mit ihren Lastwagen Juden aus DP Camps zu einem Flüchtlingsschiff bringen. Auf dem Rückweg lackierten sie einen Lastwagen als Fahrzeug der britischen Armee. Ze’ev und ein Kamerad fuhren mit 16 großen Fässern auf der Ladefläche in eine amerikanische Militärtankstelle bei Foggia. Von der Präsenz britischen Militärs in der Gegend nichts wissend, telefonierte der amerikanische Diensthabende das Britische Hauptquartier an, um näheres zu erfahren. Bis Ze’ev und sein Gefährte fertig getankt hatten kam keine Leitung zu Stande. Sie konnten die Tankstelle verlassen und entgegen ihrer Befürchtung wurden sie nicht verfolgt, bis es ihnen gelang, den Lastwagen wieder zum Fahrzeug des Joint zu machen.

Ze’ev erinnert sich vor allem an die Alpen bei Nacht, an die Kälte und das Anlegen von Schneeketten bei eisigen Minusgraden. An die Fahrkünste, die ihm abverlangt wurden, an das Nachkriegschaos, in dem sie agierten und an den Partisanencharakter ihrer Unternehmungen, die ihm 70 Jahre später fast unwirklich erscheinen. Wie das alles funktioniert hat wundert ihn noch heute.

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Miri Schönberger

(facebook post vom 17.1.18)

Miri Schönberger, geb. Margit Sauer wurde in der ungarischen Stadt Paks geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn wurde sie mit ihrer Familie und allen Bewohnern der Stadt in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort angekommen wurde ihre blinde Großmutter zu einem Krankenwagen geschickt, der sie vorgeblich zu einer Krankenstation fahren sollte. Ihre Mutter bestand darauf sie zu begleiten. Miri und ihre Zwillingsschwester Sarah und ihr Bruder sahen die Mutter und Großmutter zum letzten Mal. Zuvor hatte ein SS Mann ihre Mutter gefragt, ob Miri und Sarah Zwillinge seien. Da ihre Mutter dies bejahte wurden sie zur Seite gestellt und mussten so bei der Selektion zuschauen. Auf der einen Seite diejenigen die zur Zwangsarbeit geschickt wurden und auf der anderen Seite die Alten und die Kinder, die ins Gas geschickt wurden, wie sie nur wenig später erfuhren. Miri und Sarah wurden tätowiert und kamen in den Zwillingsblock, wo Mengele seine Zwillingsexperimente durchführte. Drei Mal in der Woche wurde Miri stundenlang vermessen und drei mal in der Woche habe wurde ihr Blut abgenommen und manchmal wurden ihr Injektionen verpasst. Als besonders hart waren ihr zudem die oft stundenlangen Zählappelle in Erinnerung geblieben.
Doktor Mengele könne sie ihn nicht nennen, sagte Miri, nur Drecktor Mengele. Sie und ihre Schwestern gehörten zur bekannten Gruppe der “Mengele Zwillinge”. Sie hätte nie verstanden, was er gewollt hätte und was ihn angetrieben hätte, sagte sie. Ungefähr 1500 Zwillingspärchen wurden von Mengele für seine tödlichen Experimente eingesetzt. Es wird geschätzt, dass weniger als 200 Einzelpersonen überlebten. Wenn ein Zwilling starb, wurde der andere mit einer Injektion ins Herz getötet, um eine vergleichende Autopsie vorzunehmen. In besonders traumatischer Erinnerungen aus Auschwitz waren ihr die gewaltigen Verbrennungen in Erinnerung geblieben.
1945 wurde Auschwitz von den Russen befreit. Es sei ein Samstag gewesen, erinnert sich Miri noch ganz genau und eine alte Frau, die kaum gehen konnte, hätte angefangen um die russischen Soldaten zu tanzen. Doch ihre Befreier brachten ihnen zunächst keine Freiheit. Die Russen behandelten sie wie Kriegsgefangene und trieben sie erst nach Kattowitz, dann nach Czernowitz und von da nach Slutsk. Erst ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelangten Miri und ihre Schwester Sarah zurück nach Ungarn. In Budapest fanden sie heraus, dass auch ihr Bruder Jehuda den Holocaust überlebt hatte. Ihre Heimatstadt fanden sie ausgestorben und in ihrem Haus wohnten Ungarn, was sie zu Obdachlosen machte. Am 5. November 1946 bestiegen sie im jugoslawischen Bakar das Flüchtlingsschiff “Knesset Israel”.
Die “Knesset Israel” fuhr mit 3445 Passagieren los und noch 400 auf dem Begleitschiff, . Doch dieses Begleitschiff lief in einem Sturm auf, was die Passagierzahl auf der Knesset Israel” auf 3845 erhoehte. 11 Babys wurden auf der Überfahrt geboren.
Am 24. November wurde das Schiff von einem britischen Zerstörer abgefangen und nach Zypern gezwungen. Das Schiff widersetzte sich und wurde von nun drei Zerstörern nach Haifa geleitet, wo die Flüchtlinge auf Deportationsschiffe gebracht wurden. Zwei Flüchtlinge verloren beim Widerstand ihr Leben. Als Tränengas in die Räume der Babys drang orderte der Kommandant des Schiffes den Widerstand einzustellen.
1947 kamen sie frei und wanderten nach Eretz Israel ein. Dort kamen die Waisen in die Obhut der Jugendaliya, lernten Hebräisch und holten einen Teil ihrer Schulbildung nach.
Der Bruder von Miri fiel im israelischen Befreiungskrieg.
Miri ist letztes Jahr gestorben. In den letzten Moaten ihres Lebens hat sie staendig von Auschwitz geredet. Sie hatte Angst, dass die Welt den Holocaust irgendwann nicht mehr glauben würde.
Miri hat einen kleinen Gedichtband geschrieben. Das erste Gedicht heißt Auschwitz. Ich habe es übersetzt:

Auschwitz

Die Nacht stieg herab, Dunkelheit ringsum
Doch was ist das plötzlich? Woher das Licht?
Der Teufel herrschte hier über alles
Das Licht der Finsternis erleuchtet die Nacht
Weil das Licht das hier leuchtet
vom Kamin der Verbrennung kommt

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