Zeitzeugen

Ich lebe seit 2007 in Israel und habe durch meine Arbeit im Elternheim und außerhalb des Heims viele Menschen kennengelernt, die älter sind als der Staat Israel. Manchen habe ich kurze Einträge auf Facebook gewidmet. Auch vielfachen Wunsch habe ich die Posts hier zusammengetragen.

 

(9/11/17)

Herr Engelberg verbrachte seine ersten Lebensjahre in Karlsruhe. Sein Vater wurde in jungen Jahren von seiner Familie aus einem galizischen Stettl nach Basel geschickt um dort bei einem Uhrmacher zu lernen und seine Mutter wurde von ihrer Familie aus dem gleichen Stettl nach Straßburg geschickt um dort Korken zu sammeln und zu verkaufen. Die Begebenheit führte zum Arrangement von Treffen und Heirat. Als die Nazis an die Macht kamen gingen die Eheleute Engelberg mit den beiden Söhnen nach Bielsko in Polen. In der Stadt, die mehrheitlich von Deutschen bewohnt war kam es zu Anti-Jüdischen Ausschreitungen und die Eltern von Herrn Engelberg sahen sich genötigt ein Marienbild ins Fenster zu stellen um verschont zu bleiben. Danach zog die Familie nach Krakau und wohnte recht fein in der Grotzka Str. Doch dann überfielen die Deutschen am Freitag, den ersten September Polen und bombardierten Krakau. Am Samstag floh die Familie Engelberg aus der Stadt. Da die Villa von Verwandten, bei denen sie unterkommen wollten, verriegelt war, machte sich die Familie mit einem Pferdewagen auf in Richtung Lwow, wo ein Bruder des Vaters wohnte. Herr Engelberg erinnert sich wie sie einen Fluss auf einem Floss überqueren mussten. Die Engelbergs gelangten nach Zamosc, wo sie sich über einer Bäckerei eingemietet haben. Eines Morgens klopften zwei Soldaten einer deutschen Vorhut wild an ihre Tür. Voller Panik bedeutete der Vater von Herrn Engelberg seiner Mutter nicht zu reagieren. Dann hörten sie den Vermieter rufen: „Engelberg. Machen sie auf!“. Verärgert befahlen die Soldaten die Hände hoch zu nehmen und verlangten zu erfahren, warum ihnen die Tür nicht aufgemacht wurde. „Wenn ein deutscher Soldat befiehlt, zu öffnen…“ erinnert sich Herr Engelberg. Seine Mutter entschuldigte sich flehend damit, dass es dem Vater ganz arg schlecht gehe. Die Soldaten, die – wie die Engelbergs später erfuhren – in einer anderen Wohnung durch die Tür geschossen hatten, nachdem ihnen nicht aufgemacht wurde, inspizierten die Wertgegenstände der Familie und nahmen eine goldene Taschenuhr an sich. Die Familie verließ Zamosc und gelangte in das von den Sowjets besetzte Lwow. Dort lebten sie beim Bruder des Vaters, bis dessen Frau sich über die Mutter von Herrn Engelberg entzürnte, nachdem diese ein Familienbild an sich genommen hatte. Die Engelbergs beschlossen zurück nach Krakau zu gehen. Sie gelangten wieder nach Zamosc, dass Ende September für eine kurze Zeit von Sowjettruppen besetzt war. Die Familie erstand ein Zugticket nach Krakau, wurde aber von sowjetischen Soldaten gehindert nach Westen zu gehen und statt dessen nach Sibirien deportiert. Dies, so sagt Herr Engelberg, habe ihnen das Leben gerettet. Die Familie verbrachte sechs Jahre in der Sowjetunion. Bevor der Vater eine Anstellung in einer Werkstatt fand und die Familie in die Stadt Bodaybo zog lebten sie zwei Jahre in einer Hütte in einem Arbeitslager an der Lena, wo in 12 Stunden Schichten gearbeitet wurde. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gelangte die Familie Engelsberg im Zuge der Umsiedlung von Volksdeutschen aus Saratov nach Sibirien ihrerseits von Sibirien nach Saratov. Nach dem Krieg ist die Familie vom Antisemitismus der Polen geschockt, die sich z.T. enttäuscht wundern, wie viele Juden noch am Leben sind, und beschließt auszuwandern. 1950 gelangt Herr Engelberg mit der Komemiut nach Israel. An Sibirien erinnert ihn ein Schachspiel, dass er seiner Zeit selbst geschnitzt hat.

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(23/6/18)

Als sie ins Heim kam war ich Mira Per suspekt, weil ich Deutscher bin. Dann haben wir uns angefreundet, dann ging es ihr nicht gut und bevor ich die letzten beiden Male auf Vortragsreise gegangen bin, haben wir uns jeweils für immer verabschiedet. Tatsächlich hat es das Schicksal aber anders gemeint und es geht ihr zur Zeit ganz gut, wobei ihr Kurzzeitgedächtnis ihr manchen Streich spielt. So drehten sich unsere letzten Unterhaltungen immer nur um Angela Merkel. Mira hat zu mehreren Gelegenheiten erzählt, dass die Kanzlerin sie angerufen und nach Jerusalem zu einer Ausstellung eingeladen hat und gefragt, ob ich sie begleiten möchte. Ich habe ihr immer erwiedert, dass Merkel doch ins Heim kommen soll, wenn sie was will, worauf Mira dann stets entgegnete, dass dies problematisch wäre wegen der Leibwächter usw. Wir hatten das Gespräch einige Male. Bis ich heute zur Abwechslung Mal das Thema gewechselt habe und siehe da, die Erinnerungen, die mehr als 70 Jahre zurück reichen, waren um einiges schärfer als die an das letzte imaginierte nächtliche Telefonat mit der Bundeskanzlerin.

Mira ist 1929 in Czernowitz geboren. Ihr Vater Avraham, der in Frankfurt geboren ist und ihre Mutter Shulamit, die aus der Bukowina stammte, lernten sich in Wien kennen. Ihre Grossmutter Zsusi pflegte zu sagen: „Wien oh Wien nur Du allein kannst Du die Stadt meiner Träume sein“. In der Familie, die in der Flurgasse in Czernowitz wohnte, wurde Deutsch geredet und auf die Einhaltung jüdischer Tradition geachtet.

Während des Zweiten Weltkriegs waren Mira, ihr Vater, ihre Mutter und ihr jüngere Schwester und ihr jüngerer Bruder auf der Flucht von Versteck zu Versteck. Ihr Vater und ihr Bruder überlebten die Zeit nicht. Mira, die bei den Jungen Zionisten war, machte sich im November 1946 mit der Jugendgruppe Choshlei Atidim (Die Zukunftsschmiede) auf den Weg nach Palästina. Sie bestieg im jugoslawischen Bakar die „Knesset Israel“, ein illegales Flüchtlingsschiff, dass heillos überfüllt war. Mira erinnert sich, wie neun Pritschen übereinander gezimmert waren und an den Dreck und die katastrophalen sanitären Anlagen. Einzig die Hoffnung auf die neue Heimat Erez Israel ließ sie die Bedingungen der Überfahrt ertragen.

Die „Knesset Israel“ war eines der größten Schiffe die der Mossad einsetzen konnte. Tauglich gemacht wurde es von einem Team um den Palyam Kommandanten Benyamin Yerushalmi. Der Palyam war die Marine des Palmach, der paramilitärischen Elitetruppen des Yishuv. Seine Angehörigen sollten vor der Küste Palästinas mit einem kleineren Begleitschiff zurückkehren, um bei der Landung nicht in die Hände der Briten zu fallen. Die “Knesset Israel” fuhr mit 3445 Passagieren los und noch 400 auf dem Begleitschiff, die an Stelle der Palyamniks an Bord gehen sollten. Doch das Begleitschiff lief in einem Sturm auf, was die Passagierzahl auf der Knesset Israel” auf 3845 erhöhte. 11 Babys wurden auf der Überfahrt geboren.

Wenige Seemeilen vor der Küste Palästinas wurde das Schiff von einem britischen Zerstörer abgefangen. Die Flüchtlinge widersetzten sich und Mira erinnert sich wie sie und die anderen „Zukunftsschmiede“ mit Fäusten auf die britischen Soldaten losgingen und an das Tränengas, das in den Augen brannte und an die beiden Toten auf Seiten der Flüchtlinge und am die vielen Verletzten. Als Tränengas in die Räume der Babys drang orderte der Kommandant des Schiffes an, den Widerstand einzustellen. Die Flüchtlinge wurden nach Zypern gebracht, wo sie fast ein Jahr interniert waren. Ich habe die Geschichte der „Knesset Israel“ schon einmal gehört. Die inzwischen verstorbenen Miri Schönberger, Überlebende der Zwillingsexperimente, flüchtete ebenfalls mit der „Knesset Israel“ und hat gleichfalls von den Kämpfen mit den Briten, die keine Juden ins Land ließen, erzählt.

Mira gelangte nach der Internierung in Zypern nach Palästina ins Kibbutz Shoresh, rekrutierte sich für die Hagana und kämpften Befreiungskrieg.

Ich finde es immer wieder krass Hände halten zu dürfen, die für die Freiheit gekämpft haben. Und wenn Merkel demnächst Zeit hat sollte sie Mal vorbeikommen. Bessere Geschichten als am Koalitionstisch hört sie hier allemal.

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(30/9/17)

1924 wurde Arie Erez als Louis Holzmann im zweiten Bezirk Wiens geboren.

Aries Kindheit wurde ein Ende bereitet, als Österreich 1938 heim ins Reich kam.

Als Vater Holzmann Ende 1939 hörte, dass ein illegaler Transport nach Palästina geplant sei, dem eine Gruppe der Jugendaliya angeschlossen werden sollte, bemühte er sich um die Aufnahme Aries in eine der zionistischen Jugendbewegungen. Er schickte ihn zunächst zur orthodox-zionistischen Bewegung Misrahi. Dort wurde Arie gefragt, ob die Familie am Shabat das Licht anschalte. Arie entgegnete, dass sie in der Familie selbstverständlich das Licht anschalte und fragte zurück, wer denn freiwillig im Dunkeln sitzen würde. Misrahi verwies ihn an die sozialistisch-zionistische Bewegung HaShomer HaTzair, die ihn ohne viele Fragen aufnahm. Um einen Platz beim Transport zu erhalten musste seine Familie dazu eine hohe Geldsumme aufbringen. Seine Mutter gab alle ihre Ersparnisse her und Arie wurde Teil einer 120köpfigen Gruppe der Jugendaliya, die dem Transport angeschlossen wurde.

Am Tag der Abreise hat sich die Gruppe der Jugendaliya in der Marc Aurel Straße getroffen. Arie verabschiedete sich von seinen Eltern und seiner Schwester. Die Eltern sah er nie wieder. Den Jugendlichen war es verboten worden, sich mit dem hebräischen Abschiedsgruß “Lehitraot” zu verabschieden, da dies zu sehr nach “Hitler ist tot” klang. Am nächsten Tag bestieg Arie in Bratislava die Uranus – ein mit Hakenkreuzfahnen geschmücktes Boot der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft.

Die Flüchtlinge hatten keine Einreisezertifikate für Palästina.
Die Briten hatten die Immigration nach Palästina durch das sogenannte Weißbuch im Mai 1939 auf ein Minimum reduziert. Zudem galten mit Kriegsbeginn jüdische Flüchtlinge aus den feindlichen Gebieten als „feindliche Ausländer“. Die Briten übten auf die Balkanländer entlang der Donau Druck aus, Flüchtlingsschiffe an der Durchfahrt zu hindern.

Der Transport zählte bei Abfahrt mehr als 1000 Flüchtlinge.
Die Reise auf der Donau Richtung Palästina drohte schon an der jugoslawischen Grenze zu Ende zu sein. Da die Umschiffung an der Donaumündung nicht gewährleistet war, weigerte sich die DDSG die Fahrt fortzusetzen. Nach gespanntem Warten wurden die Flüchtlinge dann auf drei von der jugoslawischen Schifffahrtsgesellschaft gecharterte Ausflugsboote verteilt. Die Jugendlichen, unter ihnen die Gruppe der Jugendaliya kam auf die „Car Dušan“. Die Flüchtlinge gelangten an die rumänische Grenze, wo erneut kein Weiterkommen mehr war. Rumänien weigerte sich die Flüchtlinge ins Land zu lassen. Entgegen der Beteuerungen der Flüchtlinge stand kein Schiff in der Donaumündung bereit. Schließlich verhinderte der Winter und Packeisbildung auf der der Donau die Weiterfahrt. Die Flüchtlinge wurden im Hafen der jugoslawischen Grenzstadt Kladovo festgesetzt. Erst nach Wochen, erinnert sich Arie, durften sie das erste Mal von Bord. Die Enge ist Arie noch in besonders traumatischer Erinnerung. Er erzählt, dass sie in Schichten hätten schlafen müssen und trotzdem eng aneinander. Es sei vor allem den Jugendleitern des Shomer HaTzair zu verdanken gewesen, dass sie nicht verrückt wurden. Diese hätten sie mit Geschichten über das jüdische Siedlungswerk in Palästina “bei Laune” gehalten.

Als die Flüchtlinge die Schiffe schließlich räumen mussten, errichtete die Gruppe der Jugendaliya ein Zeltlager neben Maisfeldern am Donauufer. Obwohl niemand verhungerte, litten die Flüchtlinge unter Mangel, Schmutz und Krankheiten. An den allermeisten Tagen wurde Mamaliga gegessen. Die einzigen Freuden, so sagt Arie, seien das Fußball spielen gewesen und ein Fest in der Stadt Kladovo, von dem viele junge Paare in die Maisfelder kamen, um dort zu tun “was junge Paare tun und wir haben zugeschaut”. Erst nach Monaten wurde die Reise fortgesetzt.

Im September 1940 wurden die Flüchtlinge auf einem Kohlenschlepper rund 300 Kilometer stromaufwärts nach Sabac nahe Belgrad geschickt. Die Stimmung schwankte zwischen Empörung und Verzweiflung und Apathie. Die Versorgung war indes besser als in Kladovo. Die Juden Belgrads hatten der Transportleitung sogar einige Pakete Wust geschenkt, die diese für eine evtl. spätere Notlage zurücklegen ließ und die darüber hinweg vergammelt sind. Um keinen Aufruhr zu provozieren, wurde der Shomer HaTzair angewiesen, diese eines Nachts in der Donau zu versenken.

Im März 1941, zwei Wochen vor Einmarsch der Wehrmacht in Jugoslawien, gelangten rund 200 Flüchtlinge an Einreisezertifikate für Palästina. Unter ihnen die 120 Angehörigen der Jugendaliya, die in Gruppen von 30-40 Jugendlichen mit Zügen via Griechenland, Istanbul und Aleppo bis nach Beirut und von dort nach Palästina reisten.

Die Flüchtlinge des Kladovo Transports, die in Sabac zurückblieben, wurden im April 1941 von den Deutschen eingeholt und in einem Lager interniert.
Alle Männer des Kladovo-Transports wurden Anfang Oktober 1941 zu Opfern einer „Sühneaktion“ – erschossen von der Wehrmacht als Vergeltung für einen tödlichen Angriff jugoslawischer Partisanen auf deutsche Besatzungstruppen.
An den Frauen und Kindern, so erzählt Arie, wurde das Vergasen geprobt.
Ende 1941/Anfang 1942 wurden die Frauen des Kladovo-Transports in das damals gerade gegründete KZ Sajmiste in einem Vorort von Belgrad überstellt. Ab März 1942 holten jeden Tag zwei LKW 50 bis 80 Menschen in Sajmiste ab. Auf der Fahrt durch Belgrad zum Zielort Avale wurden Abgase eingeleitet. In Avale hatte ein Häftlingskommando bereits die Gruben ausgehoben.

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(16/9/17)

Ich habe im Oktober 2010 angefangen auf der Pflegestation des Elternheims zu arbeiten. Ich arbeite mit Menschen, für die der Aufenthalt auf Station der letzte (leidvolle) Abschnitt eines langen und ereignisreichen Lebens ist. Das Leben jedes einzelnen Bewohners ist eng mit der Weltgeschichte verknüpft und jede persönliche Geschichte, die ich höre ist gleichzeitig ein geschichtliches Zeugnis. Henni Rothschild, geborene Henni Luise Sturm – hier auf dem Bild mit ihrer Betreuerin Varda – war eine der 36 BewohnerInnen der Pflegestation, als ich meine Arbeit begonnen habe. Henni stammte aus München, wo sie in der Geyerstraße aufwuchs.
Henni hat mit mir manche Erinnerung an den Viktualienmarkt und das Oktoberfest geteilt. Besonders gerne hat sie sich an Ausflüge mit Freundinnen zum Skifahren erinnert. Gerne hätte sie an ihrem Lebensabend noch einmal Schnee gesehen. Manchmal haben wir ein wenig Alpenpanorama auf 3sat geschaut.
Als sie 17 Jahre alt war, erlebte sie die Reichspogromnacht. Ängstlich sass die Familie Sturm in ihrer Wohnung, nicht wissend, was als Nächstes kommen würde. Der Lärm des Pogroms drang durch die Fenster und die nahegelegene Synagoge ging in Flammen auf. Die Fabrikantenfamilie fasste endgültig den Entschluss zur Flucht. Obwohl die Ausreise schon lange Thema war, konnten sich ihre Eltern nicht dazu durchringen, Deutschland tatsächlich den Rücken zu kehren. Dabei wurden sie von den meisten Nachbarn schon seit der Machtübernahme durch die Nazis als Juden angefeindet. So zionistisch ihr Vater eingestellt war, so schwer fiel es ihm sich von seiner Fabrik für Pappen nahe dem Isar-Ufers und seinen Angestellten zu trennen.
In Tel Aviv fiel es ihren Eltern zunächst sehr schwer sich zurechtzufinden. Das heiße Klima und die sozialistischen Ideale der jüdischen Pioniere befremdeten die liberalen Münchner Bildungsbürger. Hauptintegrationsproblem war aber die Sprache. Ihre Eltern hatten Mühe Hebräisch zu lernen und sprachen weiter Deutsch. Auf der Straße wurde ihnen deswegen zum Teil feindselig begegnet. Einmal wurden sie als „Hitlerzionisten“ beschimpft.
Wie so viele Jeckes (wie die deutschen Juden bezeichnet wurden) fanden sie in der Kammermusik eine Brücke in ihre verlorene deutsche Heimat und zu ihrer geliebten Kultur.
Henni Rothschild sass an den kamermusikalischen Abenden im Wohnzimmer der Familie oft am Klavier.
Ein paar Jahre nach ihrer Einreise heiratete sie einen Einwanderer aus Dinslaken und zog mit ihm nach Jerusalem, wo sie eine Familie gründeten. Dort erlebte sie die Belagerung der Stadt während des Befreiungskriges mit und den Hunger. Ihr Beitrag zum israelischen Aufbauwerk war die Gründung eines Hilfsvereins für autistische Kinder. Obwohl sie an der deutschen Kultur hing hat sie Deutschland Zeit ihres Lebens abgelehnt. Sie ist nie wieder nach München zurückgekehrt und hat nie geglaubt, dass sich die Deutschen geändert haben.
Als ich mich im Frühjahr diesen Jahres auf meine Vorträge über die Jeckes und meine Arbeit in Heim vorbereitet habe, habe ich realisiert, dass Frau Rothschild als Einzige der 36 BewohnerInnen, die im Oktober 2010 auf Station lagen, noch am Leben war. Ich habe bei meinen Vorträgen von ihr erzählt. Sie war einer der liebsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Als ich zurückkam war auch sie gestorben.

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(3.10.17)

Ze’ev 2016 © Florian Krauss

Die Rückseite der 20 Schekel Banknote wird von einer Aufnahme geziert, die Rekruten der jüdischen Brigade auf dem Weg zu einer Rede von Chaim Weizmann zeigt. Einer von ihnen ist der 1925 in Berlin geborene Ze’ev Hirschberg.

Unter dem Eindruck der Reichspogromnacht wurde Ze’ev 1938 von seinen Eltern auf ein Auswandererlehrgut bei Schniebinchen geschickt. Im April 1940 gelangte er so an ein Einreisezertifikat der Jugendaliya für Palästina. Im Hadassa Kinderdorf Meir Shafia bei Zikhron Ya’akov schloss er sich der Hagana an, der jüdischen Untergrundarmee in Palästina. Im Kibbutz Geva in der Yizrael Ebene, schloss er sich mit anderen Jugendlichen zu einer Vorbereitungsgruppe für die Bildung eines neuen Kibbuz zusammen. Als die Briten 1944 die Jüdische Brigade gründeten, bestimmte die Jewish Agency, dass jede Vorbereitungsgruppe einen Mann für die Brigade abzustellen hatte. Es wurde gelost und das Los fiel auf Ze’ev. Am 7. Dezember 1944 zog er mit anderen Rekruten zur Rede von Chaim Weizmann, wo das Bild entstand, das heute die 20 Schekel Note ziert.

Ze’ev gelangte über Alexandria und Marseille nach Eindhoven. Er wurde für die Bewachung verschiedener Militäreinrichtungen und Gefangenenlager in Holland und Belgien eingesetzt. Mit anderen Soldaten der Jüdischen Brigade sammelte er Waffen ein und schmuggelte diese in Fahrzeugen der Britischen Armee in die Hände der Hagana. Neben dem Militärdienst und dem Waffenklau verteilte die Jüdische Brigade Teile ihrer Lebensmittelrationen an jüdischen Flüchtlinge in den DP Camps. Bei den Fahrten lernte Ze’ev Lastwagen zu lenken.

Bevor die Jüdische Brigade im Sommer 1946 in Gent aufgelöst wurde, suchten Emissäre der Hagana unter den Soldaten nach Freiwilligen für die Fluchthilfe Bricha. Die Bricha war die Antwort auf das über Palästina verhängte Einreiseverbot, dessen Durchsetzung für die Briten mit der Festsetzung der Juden im Nachkriegseuropa begann. Ze’ev war einer von 120, die sich für die Ausschleußung rekrutieren ließen. An Stelle der 120 Soldaten wurden Holocaustüberlebende, die ihnen relativ ähnlich sahen, “zurück” nach Palästina geschickt. In den Ausweispapieren waren Personenbeschreibungen, aber keine Bilder.
Ze’ev Hirschberg gelangte in ein ehemaliges Militärlager Mussolinis nach Bergamo, wo die Bricha ein Seminar unterhielt. Dann wurde er als Fahrer nach Meran abkommandiert.

In Meran waren die Fluchthelfer als Joint Mitarbeiter getarnt und verfügten über Dodge Lastwagen aus Beständen des amerikanischen Militärs und GMC 6 Wheeler, die vom Britischen Militär geklaut und zu Fahrzeugen des Joint umlackiert wurden. So lenkte Ze’ev solche Lastwagen, deren Steuer rechts und solche, deren Steuer links war.

Zehntausende Juden gelangten bis Anfang 1947 zum Fluchtknotenpunkt Salzburg. Von dort führte der Weg Richtung Mittelmeer weiter über Deutschland oder das französisch besetzte Tirol. Die Exodus Route über Tirol führte zunächst nach Saalfelden nahe der amerikanisch-französischen Zonengrenze. Dort bestand seit Sommer 1946 der Kibbuz Givat Avoda von wo es in Postzügen mit doppelten Trennwänden die DP Lager “Wiesenhof” und “Gnadenwalderhof“ in Gnadenwald bei Innsbruck zu erreichen galt. Über Landeck ging es für die Flüchtlinge weiter an den Reschenpass, von wo sie Wegweiser der Bricha, sogenannte „Bergkriecher“ illegal über die österreichisch-italienische Grenze führten. Ze’ev und seine Kameraden vom Stützpunkt Merano nahmen die Flüchtlinge zwischen 22 und 23 Uhr von den „Bergkriechern“ in Empfang.

Die Flüchtlinge hatten nichts außer einem Handbündel und den Kleidern, die sie am Leib trugen. Für Gespräche war kaum Zeit.

Ze’ev und seine Kameraden fuhren die Menschen landeinwärts und verteilten sie auf mehrere Bahnhöfe in Oberitalien. Die Tarnung für die Flüchtlinge war, aus Inneritalien nach Meran gekommen zu sein, um Urlaub zu machen.
Nach etwas Schlaf hatten Ze’ev und seine Kameraden ihre Fahrzeuge zu warten.

Einmal, so erzählt Ze’ev mit Berliner Schnauze, seien sie nach JWD abkommandiert worden – „janz weit draußen“. Bei Bari sollten sie mit ihren Lastwagen Juden aus DP Camps zu einem Flüchtlingsschiff bringen. Auf dem Rückweg lackierten sie einen Lastwagen als Fahrzeug der britischen Armee. Ze’ev und ein Kamerad fuhren mit 16 großen Fässern auf der Ladefläche in eine amerikanische Militärtankstelle bei Foggia. Von der Präsenz britischen Militärs in der Gegend nichts wissend, telefonierte der amerikanische Diensthabende das Britische Hauptquartier an, um näheres zu erfahren. Bis Ze’ev und sein Gefährte fertig getankt hatten kam keine Leitung zu Stande. Sie konnten die Tankstelle verlassen und entgegen ihrer Befürchtung wurden sie nicht verfolgt, bis es ihnen gelang, den Lastwagen wieder zum Fahrzeug des Joint zu machen.

Ze’ev erinnert sich vor allem an die Alpen bei Nacht, an die Kälte und das Anlegen von Schneeketten bei eisigen Minusgraden. An die Fahrkünste, die ihm abverlangt wurden, an das Nachkriegschaos, in dem sie agierten und an den Partisanencharakter ihrer Unternehmungen, die ihm 70 Jahre später fast unwirklich erscheinen. Wie das alles funktioniert hat wundert ihn noch heute.

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(17.1.18)

Miri Schönberger, geb. Margit Sauer wurde in der ungarischen Stadt Paks geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn wurde sie mit ihrer Familie und allen Bewohnern der Stadt in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort angekommen wurde ihre blinde Großmutter zu einem Krankenwagen geschickt, der sie vorgeblich zu einer Krankenstation fahren sollte. Ihre Mutter bestand darauf sie zu begleiten. Miri und ihre Zwillingsschwester Sarah und ihr Bruder sahen die Mutter und Großmutter zum letzten Mal. Zuvor hatte ein SS Mann ihre Mutter gefragt, ob Miri und Sarah Zwillinge seien. Da ihre Mutter dies bejahte wurden sie zur Seite gestellt und mussten so bei der Selektion zuschauen. Auf der einen Seite diejenigen die zur Zwangsarbeit geschickt wurden und auf der anderen Seite die Alten und die Kinder, die ins Gas geschickt wurden, wie sie nur wenig später erfuhren. Miri und Sarah wurden tätowiert und kamen in den Zwillingsblock, wo Mengele seine Zwillingsexperimente durchführte. Drei Mal in der Woche wurde Miri stundenlang vermessen und drei mal in der Woche habe wurde ihr Blut abgenommen und manchmal wurden ihr Injektionen verpasst. Als besonders hart waren ihr zudem die oft stundenlangen Zählappelle in Erinnerung geblieben.
Doktor Mengele könne sie ihn nicht nennen, sagte Miri, nur Drecktor Mengele. Sie und ihre Schwestern gehörten zur bekannten Gruppe der “Mengele Zwillinge”. Sie hätte nie verstanden, was er gewollt hätte und was ihn angetrieben hätte, sagte sie. Ungefähr 1500 Zwillingspärchen wurden von Mengele für seine tödlichen Experimente eingesetzt. Es wird geschätzt, dass weniger als 200 Einzelpersonen überlebten. Wenn ein Zwilling starb, wurde der andere mit einer Injektion ins Herz getötet, um eine vergleichende Autopsie vorzunehmen. In besonders traumatischer Erinnerungen aus Auschwitz waren ihr die gewaltigen Verbrennungen in Erinnerung geblieben.
1945 wurde Auschwitz von den Russen befreit. Es sei ein Samstag gewesen, erinnert sich Miri noch ganz genau und eine alte Frau, die kaum gehen konnte, hätte angefangen um die russischen Soldaten zu tanzen. Doch ihre Befreier brachten ihnen zunächst keine Freiheit. Die Russen behandelten sie wie Kriegsgefangene und trieben sie erst nach Kattowitz, dann nach Czernowitz und von da nach Slutsk. Erst ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelangten Miri und ihre Schwester Sarah zurück nach Ungarn. In Budapest fanden sie heraus, dass auch ihr Bruder Jehuda den Holocaust überlebt hatte. Ihre Heimatstadt fanden sie ausgestorben und in ihrem Haus wohnten Ungarn, was sie zu Obdachlosen machte. Am 5. November 1946 bestiegen sie im jugoslawischen Bakar das Flüchtlingsschiff “Knesset Israel”.
Die “Knesset Israel” fuhr mit 3445 Passagieren los und noch 400 auf dem Begleitschiff, . Doch dieses Begleitschiff lief in einem Sturm auf, was die Passagierzahl auf der Knesset Israel” auf 3845 erhoehte. 11 Babys wurden auf der Überfahrt geboren.
Am 24. November wurde das Schiff von einem britischen Zerstörer abgefangen und nach Zypern gezwungen. Das Schiff widersetzte sich und wurde von nun drei Zerstörern nach Haifa geleitet, wo die Flüchtlinge auf Deportationsschiffe gebracht wurden. Zwei Flüchtlinge verloren beim Widerstand ihr Leben. Als Tränengas in die Räume der Babys drang orderte der Kommandant des Schiffes den Widerstand einzustellen.
1947 kamen sie frei und wanderten nach Eretz Israel ein. Dort kamen die Waisen in die Obhut der Jugendaliya, lernten Hebräisch und holten einen Teil ihrer Schulbildung nach.
Der Bruder von Miri fiel im israelischen Befreiungskrieg.
Miri ist letztes Jahr gestorben. In den letzten Moaten ihres Lebens hat sie staendig von Auschwitz geredet. Sie hatte Angst, dass die Welt den Holocaust irgendwann nicht mehr glauben würde.
Miri hat einen kleinen Gedichtband geschrieben. Das erste Gedicht heißt Auschwitz. Ich habe es übersetzt:
Auschwitz
Die Nacht stieg herab, Dunkelheit ringsum
Doch was ist das plötzlich? Woher das Licht?
Der Teufel herrschte hier über alles
Das Licht der Finsternis erleuchtet die Nacht
Weil das Licht das hier leuchtet
vom Kamin der Verbrennung kommt
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(23.10.17)

Robert Tomashov wurde 1915 in der slowakischen Stadt Dolny Kubin geboren. Seine Mutter kam aus einer Bierbrauerdynastie und seine Familie war vermögend, zionistisch und gottesfürchtig. Im März 1939 sollte Robert Tomashov nach abgeschlossenem Hachshera Kurs ein Einreisezertifikat für Palästina ausgestellt werden.
Er fuhr nach Prag, um das Dokument bei der Vertretung der Jewish Agency abzuholen. Dort wurde er gefragt, ob er verheiratet sei, was er verneinte. Also wurde er gebeten, sein Zertifikat einem Paar mit Kindern zu überlassen und selbst noch ein paar Wochen bis zur Ausstellung eines neuen Zertifikats für ihn zu warten. Als Ende März die Deutschen in die Tschechoslowakei einmarschierten, zerschlug sich seine Hoffnung auf ein Zertifikat und er ging nach Bratislava.
Robert Tomashov diente in der Arbeitsbrigade der slowakischen Armee, dessertierte, versteckte sich in einem Dorf, kehrte nach Bratislava zurück und lebte dort mit falschen Papieren bis er von einem Nachbarn entdeckt wurde. Mit Hilfe eines Gerechten wurde er einer Gruppe protestantischer Jungen angeschlossen und gelangte mit einem gefälschten Ausweis auf den Namen Estefan Etsch 1944 nach Budapest.
Dann fielen die Deutschen in Ungarn ein. Moshe Kraus, der Leiter des Eretz-Israelischen Büros, vermittelte Tomashov an die YMCA in Budapest, wo Christen und ein paar Juden mit falschen Papieren arbeiteten. Der YMCA war im Besitz einiger Transitgenehmigungen. Tomashov wurde dem YMCA als polnischer Christ Tomaschowski vorgestellt und bekam am 7. April eine der Transitgenehmigungen. Dem Papier fehlte nur noch der authentifizierende Stempel, den der Geschäftsführer am nächsten Tag erteilen sollte. Am Morgen des 8. April wurde Robert Tomashov auf dem Weg in die Büros der YMCA von der ungarischen Gendarmarie aufgegriffen. Er wurde wegen des fehlenden Stempels der Gestapo übergeben, die ihn im Hotel Majestic, dem Hauptquartier von Eichmann, gewaltsam verhörte. Als zu Ende des Verhörs Eichmann kam hat Robert diesen angefleht ihn zu verschonen, doch Eichmann hat nur entgegnet: “Hinüber zu den anderen Banditen”, was bedeutete, dass er für den Transport nach Auschwitz bestimmt war. Er kam in ein Gefangenenlager, wo ca. 1000 Juden interniert waren, die für den Transport nach Auschwitz bestimmt waren. Als er dort auf dem Boden saß und sein bitteres Schicksal vor Augen hatte, ging ein ungarischer Gendarm durch das Lager und schrie, dass jemand gesucht würde, der vom Russischen ins Ungarische übersetzen könne. Tomashov reagierte erst als der Gendarm sich wiederholte. Wohl wissend, dass er Tschechisch, Ungarisch, Deutsch und Polnisch beherrschte, aber nur ein paar wenige Brocken Russisch. Tomashov wurde in einen Raum mit einem Schreibtisch und einer Schreibmaschine gebracht, wo er Transportscheine für 60 festgenommene Ukrainer ausfüllen sollte, die ihm einer nach dem anderen vorgeführt wurden. Irgendwann entdeckte er in einer der Schubladen des Schreibtisches einen Bündel gestempelter Passierscheine. Passierscheine für den Ein- und Ausgang mit Begleitung und solche ohne Begleitung. Er nutzte einen kurzen Augenblick, in dem er unbeaufsichtigt war, um sich einen Passierschein für den Ein- und Ausgang ohne Begleitung aus der Schublade zu fischen.
Die ungarischen Angestellten beendeten um fünf Uhr ihre Arbeit und trugen ihm auf, die Transportscheine bis zum Morgen fertig zu machen. Aus ihren Gesprächen hörte Tomashov heraus, dass die Lagergebäude geschlossen würden. Er wartete den Moment ab, in dem die Wächter ihre Posten verließen, nahm den Stapel Transportscheine, die er ausgefüllt hatte und ging ins Erdgeschoss, wo er auf einen weiteren Wächter traf, dem er sagte, dass er seine Arbeit beendet habe und jemanden suche, dem er die Transportscheine übergeben könne. Der Wächter antwortete, dass er zunächst das Gebäude abschließen müsse und sich dann um ihn kümmern würde. Als er aus seinen Augen verschwunden war, beeilte sich Tomashov zum Lagertor zu gelangen, wo er seinen Passierschein zeigte. Einer der beiden Wächter zögerte, ließ sich aber von einem weiteren Wächter überzeugen, dass alles in Ordnung sei.
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(17.2.18)

Am Tag nach der Reichspogromnacht in Frankfurt schloss das Philanthropin seine Pforten. Einer der Schüler der jüdischen Schule war der 14jährige Ernest Stock.
Ernest trägt noch viele Erinnerungen an seine Schulzeit in sich. 1937 sah er voller patriotischem Stolz den Zeppelin Hindenburg ueber das Philanthropin fliegen.
Andererseits schlossen sich seine deutschen Freunde aus der Nachbarschaft einer nach dem anderen der Hitlerjugend an und begannen sich von ihm fern zu halten .
An seinem letzten Tag in der Schule sah er mit Klassenkammeraden durch die Fenster im obersten Sock die nahe gelegene Synagoge in Flammen aufgehen. Auf dem Heimweg wurde er von Braunhemden der Hitlerjugend drangsaliert. Wenige Tage nach der Reichspogromnachr flüchtete Ernest mit seiner zehnjährigen Schwester aus Deutschland. Seine Mutter blieb zurück, da Ernest Vater in Buchenwald interniert war. Es half ihm wenig als Patriot im ersten Weltkrieg an beiden Fronten für Deutschland gekämpft zu haben.
Ernest und seine Schwesterwurde von der Familie eines Schulfreundes nach Thann im Elsass eingeladen, wohin die Familie – polnische Juden – vorausschauend geflohen waren.
Es gelang, die beiden einem Kindertransport von 80 Kindern aus einem Frankfurter Waisenhaus anzuschliessen, der am 6. Dezember nach Strassburg aufbrach. Ernest gimachte in Straßburg eine Photographenlehre und gingauf die Ecole du travail. In beseonderer Erinnerung blieb ihm die Freiheit, in der die Juden Frankreichs lebten und die Selbstverständlichkeit mit der sie zugleich Juden und Franzosen waren.
Als die vermeintlichen Frontregionen des sich abzeichnenden Krieges evakuiert wurden, gelangte Ernest mit seiner Schwester, die in Thann auf eine Klosterschule gegangen war, nach Vaucresson. Dort wurden sie von einem Bekannten ihres Onkels mütterlicher Seite aufgenommen. Er hatte eine Frau und vier Kinder. Als Deutscher wurde er von den Franzosen zeitweise interniert, was Ernest zur Verantwortung im Haushalt zwang. Sein Schulfreund, zu dessen Familie im Elsass sie aus Deutschland fliehen konnten schloss sich während des Krieges dem Widerstand an und spionierte ein deutsches Armeequartier aus. Er wurde entdeckt und in Auschwitz vergast.
Die Mutter von Ernest hatte für ihren Mann ein Einreisevisum für Grossbritannien erhalten und hielt ihn an zu fliehen. Er gelangte bis Holland, wo ihn der Krieg einholte bevor er auf die Insel übersetzen konnte. Er überlebe versteckt bei einer holländischen Familie.
Die Mutter von Ernest gelangte im Frühjahr 1940 an ein Visum für die Verenigten Staaten.
In Vaucresson fand Ernest eine Anstellung als Kurier für eine Zahntechnikerin und fuhr zwei bis drei Mal die Woche mit dem Zug nach Paris.
Dort bemuehte er sich auch um ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten und um eine Finanzierung der Überfahrt durch den Hilfsverein für jüdische Migration Hicem. Es wurde mehr und mehr ein Wettlauf gegen die Zeit. Wieder und wieder wurde der 15jährige abgewiesen.
Im Tagebuch das Ernest führte wird die Hoffnung und Verzweiflung des zur Verantwortung gezwungen Jugendlichen deutlich. Neben akribischen Abrechnungen finden sich Einträge über fruchtlose Ämterbesuche.
Es sollte bis zum 20. Mai 1940 dauern, bis sie ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten bekamen, mit der Aussicht auf eine Überfahrt am 6. Juli. Doch am 13. Juni mussten sie Vaucresson in einem Strom von Flüchtlingen in Richtung Ungewissheit verlassen. Am 14. Juni eroberten die Deutschen Paris. Ziel von Ernest und siner Schwester war Clermon Ferrand, wo eine Beauftragte für die Waisen, mit denen sie nach Frankreich geflohen waren, Unterkunft gefunden hatte. Diese schickte die beiden nach Bordeaux, von wo sie mit dem Schiff fliehen könnten und wo es eine Zweigstelle des Hilfsvereins gab, der ihnen mit der Finanzierung der Überfahrt hätte helfen können. Doch es gab in Bordeuax keine Schiffe mehr und der Hilfsverein war geschlossen. Zu ihrem Glück hatten sie die Adresse einer einflussreichen jüdischen Familie in Bordeaux bekommen, die Ernest und Lotte half an Visa fuer Portugal zu kommen und sie in Richtung Lissabon weiterschickte.
Die Beiden gelangten nach Bayonne und von dort nach Irun, wo sie sich um ein Einreisevisum für Spanien bemühen mussten. Die Bemühungen waren fruchtlos, doch Ernest entdeckte einen amerikanischen Van auf dem Pflegeeltern für Kriegskinder geschrieben stand. Dieser nahm sie mit nach Biarritz in eine Kinderkolonie. Der amerikanische Konsul in Biarritz versprach ihnen sie mit einem Konvoi amerikanischer Rückkehrer nach Spanien zu bringen.
Das Tagebuch, das Ernest führte, wurde zusammen mit dem Tagebuch seiner Mutter als Buch veröffentlicht. Es ist eines von mehreren Büchern von Professor Stock, der später als GI nach Frankfurt zurückkehrte und nach seiner Einreise nach Israel Direktor der renommierten Brandeis wurde.
Ernest Stock verbringt mit seiner Frau seinen Lebensabend im Heim. Mit grossem Interesse habe ich seine Bücher gelesen. Vor einigen Tagen hat er sein Tagebuch der Wiener Library vermacht wo es derzeit eingescannt wird. Ich emfand es sehr eindrücklich das Original in den Händen zu halten.
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26.9.17

Yoske

1925 wurde Josef “Joske” Ben David Nachmias in Jerusalem geboren. Er kam als eines von acht Geschwistern einer seit Generationen in Jerusalem ansässigen Familie zur Welt.

Im Januar 1941 rekrutierte er sich für die britische Armee. Diese stand in Nordafrika unter Druck und sah über gefälschte Geburtsdaten, so großzügig es ging, hinweg.

Joske wurde ausgebildet und kämpfte in Nordafrika gegen die anrückenden Deutschen. Yoske war der Einheit 1. CRE Aerodromes zugeteilt, die auf eingenommenen Flugplätzen zum Einsatz kam. Bei der Schlacht um Tobruk wurde er beauftragt eine Sprengfalle im zweigeschossigen Hauptgebäude anzubringen. Der Flugplatz war hart umkämpft. Die Briten planten einen taktischen Rückzug und sein Kommandant meinte zu Yoske, dass er von dem Gebäude nichts mehr sehen wolle, wenn sie zurück kommen würden. Yoske brachte die Sprengfallen unter großem Zeitdruck vor den anrückenden Deutschen an und verband den Auslöser mit einer Toilettenspülung. Als seine Einheit das nächste Mal auf den Flugplatz gelangte sah er das Gebäude tatsächlich dem Erdboden gleich gemacht.

Bei einer Truppeninspektion durch Winston Churchill in Tripolis reizte Josef Nachmias seinen Nationalstolz aus. Während die Soldaten ihrer Majestät Churchill mit britischen Flaggen zuwinkten, wartete Yoske ab, bis der Premier in seinem Wagen auf seine Höhe gelangte und zog dann eine Fahne mit dem Davidstern hervor. Churchill lies anhalten, stieg aus und kam auf Yoske zu. Die Umstehenden hatten ein sehr ungutes Gefühl für Yoske. „Where are you from, lad?“ fragte Churchill. „Jerusalem“ antwortete Yoske. „Good guy“ entgegenete der Premier.

Josef Nachmias wurde er in Sizilien verwundet und gelangte zurück nach Palästina, wo er bis zum April 1946 im Dienst der Britischen Armee blieb. Trotzdem schloss er sich dem Kampf des Etzel gegen die britische Mandatsmacht an.

Eine Etzel Operation, die Yoske befehligte, richtete sich gegen ein Militärlager der Briten in Beit Nabalah bei Lod. Am Weihnachtstag 1945 kam er als britischer Soldat gekleidet mit vier weiteren „Soldaten“ scheinbar betrunken in das Militärlager, während 12 Kameraden in Zivil unweit des Lagers warteten. Unbefugt Uniformen der britischen Armee zu tragen, sei sehr gefährlich gewesen, erklärt Yoske. Auf das Vergehen stand die Todesstrafe.
Die fünf Eindringlinge sangen aus voller Kehle “I’m dreaming of a white christmas” und verteilten Whisky, den sie aus ihrem gefakted Jeep holten. Der Alkohol war mit Schlafmittel versetzt, dass nach kurzer Zeit wirken sollte. Tatsächlich dauerte es 2 ½ Stunden, bis die Wirkung einsetzte. Yoske und seine Männer, die alle mit jiddischen Kosenamen arbeiteten, räumten die Waffendepots des Lagers leer und flüchteten.

Als der Etzel einen Anschlag auf die Ad Halom-Brücke verübte wurde Yoske, der noch im Dienst der Britischen Armee stand, gefasst und von einem Feldgericht als Verräter zum Tod durch Erschießen verurteilt. Doch „so früh wollten sie mich da oben nicht haben” sagt er und erklärt eine Verkettung von Ereignissen, die ihm das Leben retteten. Zehn Tage bevor er gefasst wurde, gelang es ihm mit aufgeklebtem Spitzbart und einer Hand voll Kameraden fünf Angehörige der Britischen Armee aus einem Offizierskasino in Tel Aviv zu zu entführen. Damit sollte das Todesurteil gegen zwei Etzel Kämpfer verhindert werden, die zuvor von den Briten gefasst wurden. Schließlich rette es ihm selbst das Leben, da die Briten angesichts der Gefangenen davon abließen das Todesurteil zu vollstrecken. Die Briten suchten fieberhaft nach den Entführten, konnten deren Verlies in der alten Busstation aber nicht ausfindig machen. Yoske wurde statt zum Tod zu lebenslang verurteilt und saß 13 Monate im berüchtigten Gefängnis von Akko ein.

Am 4. Mai 1947 gelang es dem Etzel in seiner spektakulärsten Militäroperation Gefangene aus Akko zu befreien. Zwanzig Angreifer gelangten mit Jeeps und drei Trucks als “britischer” Militärkonvoi auf das Gefängnisgelände, während kleine Wachtruppen an den Zufahrten platziert wurden. Den Angreifern gelang es ein Loch in die Gefängnismauer zu sprengen und den für die Befreiung vorgesehenen Gefangenen gelang es nach Plan auszubrechen. Der erste Lastwagen mit Angreifern und Gefangenen, der Akko verlies geriet in eine britische Straßensperre, wo er unter Feuer genommen wurde. Drei Etzel Kämpfer die in der Nähe stationiert waren und zur Unterstützung kamen, wurden erschossen. Insgesamt ließen neun Angreifer und Ausbrecher ihr Leben.
Zwei weiteren Lastwagen gelang dagegen die Flucht. Aufgrund eines Missverständnis wurde ein Wachtrupp, der eine Zufahrtsstraße zum Gefängnis sicherte nicht rechtzeitig abgezogen. Die fünf Mann wurden gefangen genommen. Drei von ihnen wurden zum Tode verurteilt.

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(15.3.18)

Lore Wolf, geb. Danzinger, wurde 1922 im niederschlesischen Brieg geboren. Ihr Vater war Offizier im ersten Weltkrieg und deutscher Patriot und stand damit in einer Reihe von drei Generationen deutscher Soldaten. Auf dem Bild hält sie eine Fotografie eines Bruders ihres Urgroßvaters in preußischer Uniform von 1870 in die Kamera. Lores Vater war Arzt und ihre Mutter Kinderärztin und Lore erinnerte sich gerne an ihre frühe Kindheit zurück. Diese endete 1933. Dann distanzierten sich Freundinnen und sie wurde nicht mehr von der Nachbarsfamilie eingeladen. Im Reitstall wurde ihr gesagt, dass ihr Pferd “arisch” sei und sie nicht mehr kommen solle. Ihr Vater verlor den Doktor Titel und durfte keine Nicht-Juden mehr behandeln. Der Gedanke an Ausreise stand im Raum doch der Vater war der Meinung dass die seit Jahrhunderten in Schlesien ansässige Familie nirgendwo hingehen könne. Er war sich sicher, dass der “Spuk” nach wenigen Wochen vorbei sein und ihm als Ehrenbürger nichts passieren würde. Die Familie zog nach Hindenburg, wo Lore auf die Reitzenstein Schule ging. In der der Abteilung Reichsfrauenschule, wie der sprachliche Zug der Schule hieß durfte sie beim Unterricht in Babypflege die Puppe nicht baden – weil diese auch arisch war.
Die Pogromnacht erlebte Lore bei einer Schwester ihres Vaters deren Töchter bereits nach Palästina ausgewandert waren. Gegen drei Uhr morgens wurde die Türe mit Eisenstangen eingeschlagen. Nazi Schergen haben mit einer Axt die Wohnungseinrichtung kurz und klein geschlagen. Lore und ihre Tante wurden abgeführt und mit den anderen Juden in einer Art Stall festgehalten. Die Synagoge der Stadt stand in Flammen. Dann wurden die Männer auf den Hof der jüdischen Schule abgeführt und danach nach Buchenwald deportiert. Nach Tagen bekam Lores Mutter einen Anruf dass ihr Vater abgeholt werden könne. Lore machte sich auf und traf einen fremden Mann, der ihr Vater war. Ein Mann in furchtbarem Zustand ohne Haare, ungewaschen und in den Kleidern anderer Leute. Die Familie kratzte ihr letztes Geld und das von Verwandten zusammen und floh. In Palästina fiel der Familie die Umstellung schwer, doch sie begannen das Land zu lieben und sich im deutschen Viertel von Tel Aviv, rund um die Ben Yehuda Strasse einzuleben. Zu ihren Nächsten in Deutschland verloren sie irgendwann den Kontakt. Die Schwester ihrer Mutter wurde nach der Liquidierung des jüdischen Krankenhaus in Auschwitz ermordet. Am Tag der Verkündung der israelischen Unabhängigkeit herrschte große Freude unter den Juden, am nächsten Tag brach der Krieg aus und eine Granate riss ein Loch in die Außenwand von Lores Wohnung. Im Laufe ihres Lebens sah sie ihre Kinder und Enkelkinder als Soldaten im Krieg kämpfen und musste viele Sorgen durchstehen.
Lore hat ihren Lebensabend im Heim verbracht. Ich werde nie vergessen, dass Lore jedes Mal, wenn sie mir über den Weg gelaufen ist, ein Bild meiner Tochter sehen wollte.
Lore hat gerne “Wer wird Millionär” geschaut.
Vor zwei Jahren ist sie auf der Pflegestation gestorben.

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(14.3.18)

Pessach und ich © Florian Krauss

Über die schrecklichen Dinge, die er durchgemacht hat, schwieg Pessach Anderman sechzig Jahre. Er habe eine Stahlwand um die Vergangenheit errichtet, sagt der Holocaustüberlebende. Als seine Enkelkinder erwachsen wurden, fühlte er sich verpflichtet seine Geschichte zu erzählen und hat sie in dem Buch “Der Wille zu leben” niedergeschrieben. Um künftigen Generationen von Israelis zu verstehen zu geben, woher sie gekommen seien und sie für den weiteren Aufbau ihrer Nation zu stärken.

Im Geleitwort schreibt Pessach Anderman: “Noch heute sind wir bedroht und unsere Feinde versuchen uns brutal zu terrorisieren. In aller Welt gibt es Menschen, die meinen, uns bei jeder passenden Gelegenheit kritisieren zu müssen, wobei teilweise auch antisemitische Beweggründe mitspielen. Sie sehen uns gerne schwach und armselig, ohne begriffen zu haben, dass der Israeli nicht mehr der schwächliche Jude ist, den sie aus der Diaspora kennen. Wir sind uns sicher, dass wir ein Anrecht auf unser kleines Land haben, und werden, wenn nötig, darum kämpfen, in unserem eigenen Staat zu leben.”

Pessach Anderman gehoerte zu den letzten verbliebenen Bewohnern des Ghettos Buczacz, die ins Ghetto Tluste deportiert wurden. Als die SS für eine Aktion im Ghetto Tluste anrückte, flüchteten Pessach und gelangte auf einen Heuboden, von dem aus er beobachten konnte, wie rund 40 Juden, die aus dem Ghetto geflohen waren, von ukrainischen Hilfstrupps der SS zusammengetrieben wurden. Um Munition zu sparen wurden sie mit Mistgabeln ermordet. Die Bilder, so sagt Pessah, verfolgten ihn immer noch. Er harrte zwei Tage auf dem Heuboden aus.

Zurück im Ghetto fand er sowohl seine Schwester als auch seinen Vetter Edzion am Leben. Edzions Eltern wurden dagegen mit anderen Bewohnern des Ghettos auf einem nahen Hügel erschossen. Pessach und seine Schwester ließen sich für die Zwangsarbeit rekrutieren. Diese bestand in unmenschlich harter Feldarbeit, die unter der Aufsicht eines ukrainischen Aufsehers und eines polnischen Kommandanten mit einer Peitsche stand.

Es gab Selektionen und Gerüchte über Massaker in nahen Arbeitslagern. Als eine Todesschwadrone der SS im Lager ankam, gelang es Pessach, seiner Schwester und 12 weiteren Insassen auf eine nahe gelegene Anhöhe unter einen großen Baum zu fliehen, wo sie von ukrainischen Hilfstruppen der SS eingeholt wurden. Pessach und seiner Schwester gelang die abermalige Flucht in ein Weizenfeld, wo sie in einer Furche überlebten, während die 12 anderen hingerichtet wurden.
Näher als je kam Pessach dem Tod, als ihm eine Gruppe Ukrainer eine Patrone auf die Stirn band und diese mit Schlägen auf die Hülsenspitze auslöste. Pessach brach blutend zusammen, starb aber nicht. Er erlitt eine schwere Entzündung an der er zu Grunde gehen drohte. Ein Teil der Patronenhülse steckte in seiner Stirn.
“Ohne das Mitwirken von Ukrainern, Polen, Litauern und Angehörigen anderer Völker”, schreibt Pessach im Geleitwort zu seinem Buch, “hätten die Deutschen die Massenvernichtung der Juden nicht bewerkstelligen können”.

Seine Flucht zog sich bis Ende Juli 1944 hin. “Ich war ein Junge von zwölf Jahren und die Flucht war die einzige Waffe, die mir zur Verfügung stand.“ schrieb er 2013 für einen Newsletter der Internationalen Schule für Holocaust Studien.
Nach Kriegsende floh er nach Palästina und kam in die Landwirtschaftsschule Mikve Israel. Es war ein seelischer, körperlicher und emotionaler Neuanfang für Pessach, der Jahre hatte wie ein getriebenes Tier leben müssen und darüber seine Jugend verloren hatte.

Nach zweieinhalb Jahren beendete Pessach die Ausbildung in Mikve Israel und schloss sich mit seinen Kameraden dem Kibbuz Messuot Jitzhak im Siedlungsblock Gush Ezion an. “Unterwegs nach Messuot Jitzhak im Siedlungsblock Gush Ezion wuchs die Erregung. Ich stand unmittelbar vor der Verwirklichung eines Traums – in Erez Israel den Boden zu bestellen, die Wüste zu bezwingen, dieses Stück Bergland bei Jerusalem zu besiedeln und dort tiefe Wurzeln zu schlagen.” Das zionistische Siedlungswerk war harte Arbeit und besonders in den Bergen um Jerusalem verlangte es viel Schweiß, Felsen zu sprengen, Terrassen anzulegen und Land urbar zu machen.

Am 11. Mai begann die arabische Legion mit 45 Panzerwagen den Siedlungsblock anzugreifen, um auf Jerusalem vorzurücken. Zehntausende Araber aus den Dörfern schlossen sich der Offensive an. Die Gefechte am Felsenhügel, der Verteidigungslinie vor dem Siedlungsblock, dauerten zwei Tage an. Der damals amtierende Verteidigungsminister Ehud Barak schrieb Pessach im Februar 2008: “Der Felsenhügel, auf dem das erbitterte Gefecht stattfand ist heute eine Gedenkstätte, besucht von israelischen Kindern uns Soldaten, die wie ich hoffe, die Geschichte ihres Heldentums von dort weitertragen werden.”

Pessach schrieb in seinem Buch:”Ich hatte so viele Verfolgungen und Gefahren durchgemacht und immer wieder um mein Leben gekämpft, aber dem Kampf um Gush Ezion maß ich besondere Bedeutung bei. Hier hatte ich die Gewissheit für ein heiliges Ziel zu kämpfen und nicht nur um das eigene Überleben”

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(14.6.18)

Walter Fröhlich wurde 1930 in Tuttlingen als Sohn des aus Rexingen stammenden Viehhändlers Julius Fröhlich geboren. Als die in Rexingen lebenden Landjuden aufgrund der zunehmenden Entrechtung und Diskriminierung die gemeinschaftliche Ausreise nach Palästina ins Auge fassten, schloss sich Julius Fröhlich 1937 einem Erkundungstrupp an, der ein Stück Land nördlich von Haifa als geeignet für die geplante Ansiedlung fand.

Bei der Verabschiedung der ersten Gruppe der religiösen jüdischen Schwaben gab der Rabbiner an, dass erst die Nazis sie zu Zionisten gemacht haben, sie aber als solche bereit für das jüdische Siedlungswerk in Palästina sind. Die Rexinger Vorhut machte sich nach ihrer Ankunft in Palästina am 13.04.38 von Haifa auf um in nur wenigen Stunden auf dem vorgesehenen Gelände eine Turm- und Palisadensiedlung zu errichten, aus der sich das Genossenschaftsdorf Shavei Zion entwickeln sollte. Julius Fröhlich kam mit seiner Familie im September 1938 nach Palästina.

Die sich ständig verschärfenden Schikanen der Deutschen machten die Ausreise zu der Zeit extrem schwierig und einige Rexinger Juden, die schon auf gepackten Koffern sassen, kamen z.T. wegen ein paar Reichsmark, die ihnen fehlten nicht mehr aus Deutschland heraus. Darunter der Bruder von Julius Fröhlich, der sich noch mit seiner Familie auf gepackten Koffern sitzend vor seinem Haus ablichten ließ und dann immer noch einen Behördengang machen musste und noch einen um dies und das zu begleichen.

Julius schloss sich nach der Überfahrt gleich der Siedlungsgenossenschaft an während Walter und seine drei Geschwister zunächst in eine Kinder- und Jugendeinrichtung in Kiriat Bialik kamen, wo sie unterrichtet wurden und von wo sie am jüdischen Neujahrsfest nach Shavei Zion entlassen wurden. Aus Walter wurde Amos.

Shavei Zion war in den ersten Jahren seines Bestehens ein traditionell-jüdisches Dorf, in dem Schwäbisch gschwätzt und gekocht wurde und wo es eine Kehrwoche gab. Mit 14 wurde Amos aus der Schule genommen um zu schaffen. Wie die Dorfjugend begeisterte sich auch Amos für die sozialistisch-zionistische Ideologie und den erez-israelischen Lebensstil.

Die für Amos prägenden Institutionen waren die Landwirtschaftsschule und die Armee wo er in Kontakt mit den Sabres kam und sein Deutsch-Sein abgelegt hat.

Durch seine randständige Lage war Shavei Zion stets durch die Araber gefährdet. Seiner Rekrutierung für die Hagana folgte der Befreiungskrieg. Seine Schwester fiel den Kämpfen mit den Arabern zum Opfer.

Da die Landwirtschaft in Shavei Zion von richtigen Bauern betrieben wurde entwickelte sich die Genossenschaftssiedlung in den ersten Jahren viel besser als die deutschen Mittelstandssiedlungen, die von Akademikern ohne landwirtschaftliche Erfahrung ausgebaut wurden.

Mit 23 wurde Amos zum Geschäftsführer der Landwirtschaftskooperative ernannt und blieb in dieser Funktion bis er Mitte der 50er austrat um in Deutschland Abitur zu machen und Tiermedizin zu studieren. Die erste Entscheidung seines Lebens, die nicht vom.Kollektiv getroffen wurde, wie er sagt. In der Zeit lernte er seine Frau Gila kennen. Als er nach Israel zurückkehrte zog er wieder nach Shavei Zion zurück, leitete die Viehwirtschaft und arbeitete als Tierarzt im westlichen Galiläa.

Heute genießen Amos und Gila ihren Ruhestand und wundern sich über das plötzliche Interesse in Deutschland für das Schicksal jüdischer Auswanderer. Amos hält manchmal noch Vorträge in Deutschland um aufzuklären, weil er es unerträglich findet, mit welchem antisemitischen Unterton über Israel berichtet wird. Er selbst sei als Linker ein grosser Kritiker der Regierung, sagt er und besteht aber darauf, dass er seine Kritik konstruktiv vorbringt und nicht in antizionistischer Absicht.
Demnächst wird eine deutsche Übersetzung seines Buchs in Deutschland verlegt.

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FORTSETZUNG FOLGT