Zeitzeugen pt.4

Ich lebe seit 2007 in Israel und habe durch meine Arbeit im Elternheim und außerhalb des Heims viele Menschen kennengelernt, die älter sind als der Staat Israel. Manchen habe ich kurze Einträge auf Facebook gewidmet. Auch vielfachen Wunsch habe ich die Posts hier zusammengetragen.

 

Lore Wolf 

(facebook post vom 15.3.18)

Lore Wolf, geb. Danzinger, wurde 1922 im niederschlesischen Brieg geboren. Ihr Vater war Offizier im ersten Weltkrieg und deutscher Patriot und stand damit in einer Reihe von drei Generationen deutscher Soldaten. Auf dem Bild hält sie eine Fotografie eines Bruders ihres Urgroßvaters in preußischer Uniform von 1870 in die Kamera. Lores Vater war Arzt und ihre Mutter Kinderärztin und Lore erinnerte sich gerne an ihre frühe Kindheit zurück. Diese endete 1933. Dann distanzierten sich Freundinnen und sie wurde nicht mehr von der Nachbarsfamilie eingeladen. Im Reitstall wurde ihr gesagt, dass ihr Pferd “arisch” sei und sie nicht mehr kommen solle. Ihr Vater verlor den Doktor Titel und durfte keine Nicht-Juden mehr behandeln. Der Gedanke an Ausreise stand im Raum doch der Vater war der Meinung dass die seit Jahrhunderten in Schlesien ansässige Familie nirgendwo hingehen könne. Er war sich sicher, dass der “Spuk” nach wenigen Wochen vorbei sein und ihm als Ehrenbürger nichts passieren würde. Die Familie zog nach Hindenburg, wo Lore auf die Reitzenstein Schule ging. In der der Abteilung Reichsfrauenschule, wie der sprachliche Zug der Schule hieß durfte sie beim Unterricht in Babypflege die Puppe nicht baden – weil diese auch arisch war.
Die Pogromnacht erlebte Lore bei einer Schwester ihres Vaters deren Töchter bereits nach Palästina ausgewandert waren. Gegen drei Uhr morgens wurde die Türe mit Eisenstangen eingeschlagen. Nazi Schergen haben mit einer Axt die Wohnungseinrichtung kurz und klein geschlagen. Lore und ihre Tante wurden abgeführt und mit den anderen Juden in einer Art Stall festgehalten. Die Synagoge der Stadt stand in Flammen. Dann wurden die Männer auf den Hof der jüdischen Schule abgeführt und danach nach Buchenwald deportiert. Nach Tagen bekam Lores Mutter einen Anruf dass ihr Vater abgeholt werden könne. Lore machte sich auf und traf einen fremden Mann, der ihr Vater war. Ein Mann in furchtbarem Zustand ohne Haare, ungewaschen und in den Kleidern anderer Leute. Die Familie kratzte ihr letztes Geld und das von Verwandten zusammen und floh. In Palästina fiel der Familie die Umstellung schwer, doch sie begannen das Land zu lieben und sich im deutschen Viertel von Tel Aviv, rund um die Ben Yehuda Strasse einzuleben. Zu ihren Nächsten in Deutschland verloren sie irgendwann den Kontakt. Die Schwester ihrer Mutter wurde nach der Liquidierung des jüdischen Krankenhaus in Auschwitz ermordet. Am Tag der Verkündung der israelischen Unabhängigkeit herrschte große Freude unter den Juden, am nächsten Tag brach der Krieg aus und eine Granate riss ein Loch in die Außenwand von Lores Wohnung. Im Laufe ihres Lebens sah sie ihre Kinder und Enkelkinder als Soldaten im Krieg kämpfen und musste viele Sorgen durchstehen.
Lore hat ihren Lebensabend im Heim verbracht. Ich werde nie vergessen, dass Lore jedes Mal, wenn sie mir über den Weg gelaufen ist, ein Bild meiner Tochter sehen wollte.
Lore hat gerne “Wer wird Millionär” geschaut.
Vor zwei Jahren ist sie auf der Pflegestation gestorben.

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Pessach Anderman

(facebook post vom 14.3.18)

Pessach und ich © Florian Krauss

Über die schrecklichen Dinge, die er durchgemacht hat, schwieg Pessach Anderman sechzig Jahre. Er habe eine Stahlwand um die Vergangenheit errichtet, sagt der Holocaustüberlebende. Als seine Enkelkinder erwachsen wurden, fühlte er sich verpflichtet seine Geschichte zu erzählen und hat sie in dem Buch “Der Wille zu leben” niedergeschrieben. Um künftigen Generationen von Israelis zu verstehen zu geben, woher sie gekommen seien und sie für den weiteren Aufbau ihrer Nation zu stärken.

Im Geleitwort schreibt Pessach Anderman: “Noch heute sind wir bedroht und unsere Feinde versuchen uns brutal zu terrorisieren. In aller Welt gibt es Menschen, die meinen, uns bei jeder passenden Gelegenheit kritisieren zu müssen, wobei teilweise auch antisemitische Beweggründe mitspielen. Sie sehen uns gerne schwach und armselig, ohne begriffen zu haben, dass der Israeli nicht mehr der schwächliche Jude ist, den sie aus der Diaspora kennen. Wir sind uns sicher, dass wir ein Anrecht auf unser kleines Land haben, und werden, wenn nötig, darum kämpfen, in unserem eigenen Staat zu leben.”

Pessach Anderman gehoerte zu den letzten verbliebenen Bewohnern des Ghettos Buczacz, die ins Ghetto Tluste deportiert wurden. Als die SS für eine Aktion im Ghetto Tluste anrückte, flüchteten Pessach und gelangte auf einen Heuboden, von dem aus er beobachten konnte, wie rund 40 Juden, die aus dem Ghetto geflohen waren, von ukrainischen Hilfstrupps der SS zusammengetrieben wurden. Um Munition zu sparen wurden sie mit Mistgabeln ermordet. Die Bilder, so sagt Pessah, verfolgten ihn immer noch. Er harrte zwei Tage auf dem Heuboden aus.

Zurück im Ghetto fand er sowohl seine Schwester als auch seinen Vetter Edzion am Leben. Edzions Eltern wurden dagegen mit anderen Bewohnern des Ghettos auf einem nahen Hügel erschossen. Pessach und seine Schwester ließen sich für die Zwangsarbeit rekrutieren. Diese bestand in unmenschlich harter Feldarbeit, die unter der Aufsicht eines ukrainischen Aufsehers und eines polnischen Kommandanten mit einer Peitsche stand.

Es gab Selektionen und Gerüchte über Massaker in nahen Arbeitslagern. Als eine Todesschwadrone der SS im Lager ankam, gelang es Pessach, seiner Schwester und 12 weiteren Insassen auf eine nahe gelegene Anhöhe unter einen großen Baum zu fliehen, wo sie von ukrainischen Hilfstruppen der SS eingeholt wurden. Pessach und seiner Schwester gelang die abermalige Flucht in ein Weizenfeld, wo sie in einer Furche überlebten, während die 12 anderen hingerichtet wurden.
Näher als je kam Pessach dem Tod, als ihm eine Gruppe Ukrainer eine Patrone auf die Stirn band und diese mit Schlägen auf die Hülsenspitze auslöste. Pessach brach blutend zusammen, starb aber nicht. Er erlitt eine schwere Entzündung an der er zu Grunde gehen drohte. Ein Teil der Patronenhülse steckte in seiner Stirn.
“Ohne das Mitwirken von Ukrainern, Polen, Litauern und Angehörigen anderer Völker”, schreibt Pessach im Geleitwort zu seinem Buch, “hätten die Deutschen die Massenvernichtung der Juden nicht bewerkstelligen können”.

Seine Flucht zog sich bis Ende Juli 1944 hin. “Ich war ein Junge von zwölf Jahren und die Flucht war die einzige Waffe, die mir zur Verfügung stand.“ schrieb er 2013 für einen Newsletter der Internationalen Schule für Holocaust Studien.
Nach Kriegsende floh er nach Palästina und kam in die Landwirtschaftsschule Mikve Israel. Es war ein seelischer, körperlicher und emotionaler Neuanfang für Pessach, der Jahre hatte wie ein getriebenes Tier leben müssen und darüber seine Jugend verloren hatte.

Nach zweieinhalb Jahren beendete Pessach die Ausbildung in Mikve Israel und schloss sich mit seinen Kameraden dem Kibbuz Messuot Jitzhak im Siedlungsblock Gush Ezion an. “Unterwegs nach Messuot Jitzhak im Siedlungsblock Gush Ezion wuchs die Erregung. Ich stand unmittelbar vor der Verwirklichung eines Traums – in Erez Israel den Boden zu bestellen, die Wüste zu bezwingen, dieses Stück Bergland bei Jerusalem zu besiedeln und dort tiefe Wurzeln zu schlagen.” Das zionistische Siedlungswerk war harte Arbeit und besonders in den Bergen um Jerusalem verlangte es viel Schweiß, Felsen zu sprengen, Terrassen anzulegen und Land urbar zu machen.

Am 11. Mai begann die arabische Legion mit 45 Panzerwagen den Siedlungsblock anzugreifen, um auf Jerusalem vorzurücken. Zehntausende Araber aus den Dörfern schlossen sich der Offensive an. Die Gefechte am Felsenhügel, der Verteidigungslinie vor dem Siedlungsblock, dauerten zwei Tage an. Der damals amtierende Verteidigungsminister Ehud Barak schrieb Pessach im Februar 2008: “Der Felsenhügel, auf dem das erbitterte Gefecht stattfand ist heute eine Gedenkstätte, besucht von israelischen Kindern uns Soldaten, die wie ich hoffe, die Geschichte ihres Heldentums von dort weitertragen werden.”

Pessach schrieb in seinem Buch:”Ich hatte so viele Verfolgungen und Gefahren durchgemacht und immer wieder um mein Leben gekämpft, aber dem Kampf um Gush Ezion maß ich besondere Bedeutung bei. Hier hatte ich die Gewissheit für ein heiliges Ziel zu kämpfen und nicht nur um das eigene Überleben”

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Amos Fröhlich

(facebook post vom 14.6.18)

Walter Fröhlich wurde 1930 in Tuttlingen als Sohn des aus Rexingen stammenden Viehhändlers Julius Fröhlich geboren. Als die in Rexingen lebenden Landjuden aufgrund der zunehmenden Entrechtung und Diskriminierung die gemeinschaftliche Ausreise nach Palästina ins Auge fassten, schloss sich Julius Fröhlich 1937 einem Erkundungstrupp an, der ein Stück Land nördlich von Haifa als geeignet für die geplante Ansiedlung fand.

Bei der Verabschiedung der ersten Gruppe der religiösen jüdischen Schwaben gab der Rabbiner an, dass erst die Nazis sie zu Zionisten gemacht haben, sie aber als solche bereit für das jüdische Siedlungswerk in Palästina sind. Die Rexinger Vorhut machte sich nach ihrer Ankunft in Palästina am 13.04.38 von Haifa auf um in nur wenigen Stunden auf dem vorgesehenen Gelände eine Turm- und Palisadensiedlung zu errichten, aus der sich das Genossenschaftsdorf Shavei Zion entwickeln sollte. Julius Fröhlich kam mit seiner Familie im September 1938 nach Palästina.

Die sich ständig verschärfenden Schikanen der Deutschen machten die Ausreise zu der Zeit extrem schwierig und einige Rexinger Juden, die schon auf gepackten Koffern sassen, kamen z.T. wegen ein paar Reichsmark, die ihnen fehlten nicht mehr aus Deutschland heraus. Darunter der Bruder von Julius Fröhlich, der sich noch mit seiner Familie auf gepackten Koffern sitzend vor seinem Haus ablichten ließ und dann immer noch einen Behördengang machen musste und noch einen um dies und das zu begleichen.

Julius schloss sich nach der Überfahrt gleich der Siedlungsgenossenschaft an während Walter und seine drei Geschwister zunächst in eine Kinder- und Jugendeinrichtung in Kiriat Bialik kamen, wo sie unterrichtet wurden und von wo sie am jüdischen Neujahrsfest nach Shavei Zion entlassen wurden. Aus Walter wurde Amos.

Shavei Zion war in den ersten Jahren seines Bestehens ein traditionell-jüdisches Dorf, in dem Schwäbisch gschwätzt und gekocht wurde und wo es eine Kehrwoche gab. Mit 14 wurde Amos aus der Schule genommen um zu schaffen. Wie die Dorfjugend begeisterte sich auch Amos für die sozialistisch-zionistische Ideologie und den erez-israelischen Lebensstil.

Die für Amos prägenden Institutionen waren die Landwirtschaftsschule und die Armee wo er in Kontakt mit den Sabres kam und sein Deutsch-Sein abgelegt hat.

Durch seine randständige Lage war Shavei Zion stets durch die Araber gefährdet. Seiner Rekrutierung für die Hagana folgte der Befreiungskrieg. Seine Schwester fiel den Kämpfen mit den Arabern zum Opfer.

Da die Landwirtschaft in Shavei Zion von richtigen Bauern betrieben wurde entwickelte sich die Genossenschaftssiedlung in den ersten Jahren viel besser als die deutschen Mittelstandssiedlungen, die von Akademikern ohne landwirtschaftliche Erfahrung ausgebaut wurden.

Mit 23 wurde Amos zum Geschäftsführer der Landwirtschaftskooperative ernannt und blieb in dieser Funktion bis er Mitte der 50er austrat um in Deutschland Abitur zu machen und Tiermedizin zu studieren. Die erste Entscheidung seines Lebens, die nicht vom.Kollektiv getroffen wurde, wie er sagt. In der Zeit lernte er seine Frau Gila kennen. Als er nach Israel zurückkehrte zog er wieder nach Shavei Zion zurück, leitete die Viehwirtschaft und arbeitete als Tierarzt im westlichen Galiläa.

Heute genießen Amos und Gila ihren Ruhestand und wundern sich über das plötzliche Interesse in Deutschland für das Schicksal jüdischer Auswanderer. Amos hält manchmal noch Vorträge in Deutschland um aufzuklären, weil er es unerträglich findet, mit welchem antisemitischen Unterton über Israel berichtet wird. Er selbst sei als Linker ein grosser Kritiker der Regierung, sagt er und besteht aber darauf, dass er seine Kritik konstruktiv vorbringt und nicht in antizionistischer Absicht.
Demnächst wird eine deutsche Übersetzung seines Buchs in Deutschland verlegt.

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