Zwei-Staaten-Lösung pt.2

„Und Israel zog aus und richtete seine Hütte auf jenseit des Turms Eder.“ (1. Mose 35:21)

Judäa
Judäa

Fortsetzung von Zwei-Staaten-Lösung pt.1

1925 erwarb die Organisation Zikhron David unter der Leitung des Rabbiners Yitzhak Grinwald südlich von Jerusalem Grund und Boden für eine landwirtschaftliche Ansiedlung. Zu Beginn des Jahres 1927 gründete eine kleine Gruppe vorwiegend jemenitischer Juden die Siedlung „Migdal Eder“ (Turm Eder), benannt nach dem biblischen Ort. Die strenggläubigen Bewohner hatten ihre Mühe mit dem harten und felsigen Boden und lebten in Armut. Die Beziehungen zu den nahe gelegenen arabischen Dörfern war gespannt. Während des arabischen Pogroms von 1929, der in Hebron seinen Ausgang nahm und dort 66 Juden das Leben kostete, wurde Migdal Eder zerstört. Die Bewohner wurden von den Dorfbewohnern der benachbarten palästinensischen Gemeinde Beit Ummar verschont.
Im Jahr 1930 erwarb Shmuel Holtzman das Land von Zikhron David und kaufte das Gelände eines nahe gelegenen russischen Klosters hinzu. 1935 wurde dort die jüdische Siedlung Kfar Ezion errichtet. Kfar Ezion fiel im Zuge der 1936 entflammten arabischen Aufstände, die sich bis 1939 hinziehen sollten. Unterstützt durch den Jüdischen Nationalfonds wurde Kfar Ezion 1943 als religiöser Kibbuz wiedererrichtet. 1945-47 folgte die Gründung von Messuot Jitzhak und Ein Zurim durch die religiös-zionistische Bewegung Bnei Akiva, sowie des Kibbuz Revadim durch die sozialistisch-zionistische Bewegung HaShomer HaZair.

“Unterwegs nach Messuot Jitzhak im Siedlungsblock Gush Ezion wuchs die Erregung. Ich stand unmittelbar vor der Verwirklichung eines Traums – in Erez Israel den Boden zu bestellen, die Wüste zu bezwingen, dieses Stück Bergland bei Jerusalem zu besiedeln und dort tiefe Wurzeln zu schlagen.”

(Pessach Andermann in seiner Biografie “Der Wille zu leben)

Der Holocaustüberlebende Pessach Andermann war einer der Pioniere des religiös-zionistischen Kibbuz Messuot Jitzhak im Siedlungsblock Gush Ezion.
Das zionistische Siedlungswerk war harte Arbeit und besonders in den Bergen um Jerusalem verlangte es viel Schweiß, Felsen zu sprengen, Terrassen anzulegen und Land urbar zu machen.

Am 11. Mai 1945 begann die arabische Legion den Siedlungsblock anzugreifen, um auf Jerusalem vorzurücken. Zehntausende Araber aus den Dörfern schlossen sich der Offensive an. Die Gefechte am Felsenhügel, der Verteidigungslinie vor dem Siedlungsblock, dauerten zwei Tage an. In diesen zwei Tagen konnten die Verteidigungsanlagen im Kibbuz Ramat Rahel, dem Einfallstor nach Jerusalem, soweit befestigt werden, dass ein Fall der Stadt verhindert wurde.

„Der Felsenhügel, auf dem das erbitterte Gefecht stattfand“, so der ehemalige Verteidigungsminister Ehud Barak in einem persönlichen Brief an Pessach, „ist heute eine Gedenkstätte, besucht von israelischen Kindern und Soldaten, die wie ich hoffe, die Geschichte ihres Heldentums von dort weitertragen werden.”

Erst als ihnen am Vorabend der israelischen Unabhängigkeit die Munition ausgegangen sei, erzählt Pessach, hätten sie ihre Stellung am Felsenhügel geräumt.

Pessach und ich © Florian Krauss
Pessach und ich © Florian Krauss

Die Bewohner von Kfar Ezion fielen einem Massaker zum Opfer. Pessach geriet in jordanische Gefangenschaft.

Bis 1967 besetzte Jordanien das Gebiet des Siedlungsblocks bevor es im Zuge des Sechs-Tage-Kriegs an Israel fiel. Religiös-zionistische Aktivisten unter der Führung von Hanan Porat, dessen Eltern 1948 aus Kfar Ezion evakuiert wurden, erwirkten 1967 die Erlaubnis zur Wiederherstellung des Kibbuz. Der Wiederherstellung von Kfar Ezion folgte die Errichtung des heutigen Siedlungsblocks Gush Ezion.

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Die Eiche

Im Verwaltungsgebiet Gush Ezion leben heute ca. 20.000 Juden. Weitere ca. 50.000 in den angrenzenden Städten Beitar Illit und Efrat. Sie unterstehen der Zivilverwaltung durch die Militärbesatzung. 3000 Siedler aus Gush Ezion leben in der 1970 gegründeten Siedlung Alon Shvut, ca. 1 km von Kfar Ezion entfernt. Alon Shvut bedeutet Rückkehr zur Eiche und bezieht sich auf eine mächtige Eiche in der Mitte des Siedlungsblocks.

Am Eingang zu Alon Shvut steht die Weinkellerei Gush Ezion, die sich der zunehmenden Aufmerksamkeit von Weinkennern erfreut. Ihr ist ein kosheres Restaurant angeschlossen, von deren Terrasse sich ein wunderschöner Blick auf die umliegenden Weinberge eröffnet.

Etwas versteckt hinter einem Hügel der Siedlung findet sich ein Karawanenviertel. Einer der Wohncontainer wird von Chaya Tal bewohnt, einer israelischen Jüdin deutsch-russischer Abstammung.

13 Jahre war Chaya alt, als sie das erste Mal Israel besuchte und eine spirituelle Verbindung zum jüdischen Staat empfand, die sie in der Folge durch das Erlernen der Hebräischen Sprache und das Studieren der jüdischen Geschichte und Kultur, weiter vertiefte. Ihre jüdische Identität und religiös-zionistische Überzeugung verfestigten sich. Entsprechend fasste sie den Entschluss, nach ihrem Abitur von ihrem Einwanderungsrecht Gebrauch zu machen.

In einem Artikel für die Yedioth Ahronot, der auflagenstärksten israelischen Tageszeitung, legte sie 2014 dar, warum sie von Köln nach Israel kam, als Zehntausende Israelis nach Berlin drängten. Die deutsche Gesellschaft, so schrieb sie, vermittle gut das Gefühl, wohin einer gehöre und wohin nicht. Israel sei der einzige Staat, in dem sie als Jüdin selbstbestimmt leben könne und sich nicht als Gast zu fühlen brauche. Einzig im jüdischen Staat fühle sie sich als Jüdin dem Land und seiner Geschichte verbunden.
Nach ihrer Einwanderung hat Chaya in Jerusalem das Institut Ora besucht, ein religiös-zionistisches Institut für Frauen, wo sie viel über die ideologischen Grundlagen des Siedlungswerkes mitbekam.
Dem Jahr im Institut folgte der zweijährige Armeedienst bei der Abteilung für internationale Presse.

Tuvia und Miriam Tenenbom, die sie in dieser Zeit kennenlernten, bezeichnen Chaya als  “wonderful woman”.

Im Sommer 2014 verließ Chaya Jerusalem. Nach der Ermordung der drei Jugendlichen Gilad, Eyal und Naftali, die an der Gush Ezion Kreuzung entführt wurden, schloss sie sich einer Gruppe der “Frauen in Grün” an, die in einem Wald nahe der Kreuzung eine jüdische Präsenz errichtete. Chaya erinnert sich lebhaft, wie sie und ihre Mitstreiter den „vermüllten Wald“ in monatelanger Arbeit in ein Naturreservoir verwandelten. Vier Monate lebte Chaya (“die Lebendige”) ihre zionistischen Ideale in der Tat. Sie wohnte in einem Zelt und arbeitete in dem Wald, der heute unter dem Namen “Oz VeGaon” Touristen und Naturkundler anzieht. Zu den Arbeiten gehörte es, Felsbrocken mit dem Presslufthammer zu spalten und abzutransportieren. Die Verbundenheit nicht nur zum Land, sondern auch zum Boden und das Ideal, diesen mit den eigenen Händen zu bearbeiten, sei ein „Kernanliegen des Zionismus“. In der Arbeit fand sie sich mit den Pionieren verbunden, die in den 20er, 30er und 40er Jahren die erste jüdische Präsenz der Neuzeit zwischen Hebron und Jerusalem schufen. Schließlich, so sagt sie sei es der gleiche Boden, den schon die Siedler von Migdal Eder und Pessach bearbeitet hätten. In den vier Monaten reifte bei Chaya der Entschluss die judäischen Berge zu ihrer Heimstätte zu machen und mit der Kontinuität ihres Großstadtlebens – St. Petersburg, Köln, Jerusalem – zu brechen.

Sie bewarb sich bei der Siedlungsverwaltung von Alon Shvut für einen Karavan und wurde akzeptiert. Neben der Verwaltung, die genau darauf schaue, „keine problematischen jungen Leute“ in die Siedlung zu holen, musste sie sich noch das Einverständnis des Rabbiners der religiösen Siedlung holen.

Chaya kennt alle Bewohner des Karavanenviertels in Alon Shvut und wie sie lachend hinzufügt auch alle Katzen. Wie zum Beweis klärt sie mich gleich über die Zugehörigkeit von drei Katzen auf, die vor ihrem Karavan herumlungern.
In ihrem penibel sauber gehaltenen Wohnzimmer serviert sie mir feinen Tee, und ein Gläschen Schokolikör – abgefüllt in den besetzten Gebieten.

Nach dem Schokolikör bestreicht Chaya Butterkekse mit Karamellcreme aus Ziegenmilch von der Sde Bar Bio Farm. Sde Bar am Fuß des Herodiums gehört zum Siedlungsblock Gush Ezion und ist auf organische Landwirtschaft spezialisiert. Die Siedlungen sind die Hauptproduzenten von Bio Produkten. Das sei alles andere als ein Zufall, erklärt Chaya. Tatsächlich leite sich aus der Liebe zum Land und der Verbundenheit zur Erde schon ab, dass viel organische Landwirtschaft betrieben wird.

Chaya studiert Nahostwissenschaften und Arabisch an der Bar Ilan Universität und führt Gruppen durch die Knesset. Sie hat kein eigenes Auto und ist daher auf Fahrgemeinschaften, Trampen und den Bus angewiesen um ins 20 Autominuten entfernte Jerusalem bzw. ins 1 ½ Autostunden entfernte Ramat Gan zu gelangen.
In ihrem Karavan hat sie sich auf engem Raum liebevoll eingerichtet. Im Winter bleibe ihr Zuhause fast trocken und im Sommer sorge Durchzug für Milderung der Hitze, versichert sie.

Chaya Tal
Chaya Tal

Sie zahle relativ wenig Miete und liebe die Berge und überhaupt die herrliche Landschaft, ist ihre erste Antwort auf die Frage, wofür sie so viele vermeidbare Unannehmlichkeiten auf sich nimmt um in Alon Shvut zu leben. Charmant lachend erklärt sie, dass die Kosten und die Natur ungefähr 30% ihrer Entscheidung für das Leben als Siedlerin ausmachen würden. Der Rest sei tatsächlich die Überzeugung vom jüdischen Siedlungswerk im biblischen Kernland der Juden. Ihr Hauptanliegen, so schreibt sie in ihrem Blog diesiedlerin.net sei es zu leben, zu erleben, zu lernen und zu berichten, was sich berichten und darstellen lässt. Chaya, die perfekt Hebräisch spricht, möchte eine so authentische Stimme wie möglich vom Ort des Geschehens wiedergeben.

In den Alltag am Ort des Geschehens mischte sich in den letzten Monaten die Frage der Sicherheit. Die Kreuzung Gush Ezion, die ein lebendiger Knotenpunkt für Tramper ist, war einer der Brennpunkte der jüngsten Terrorwelle.
An der Kreuzung kam es zu Anschlägen mit Autos, Messern und Schusswaffen. Fünf Menschen wurden getötet. In der Nähe arabischer Dörfer werden fast täglich Steine und Molotow-Cocktails geworfen.
Nach Meinung vieler Siedler knüpft die jüngste Terrorwelle an die geschichtlichen Anstrengungen der Araber an, die jüdische Präsenz in Judäa zu beenden. Die Siedler aber, so gibt mir Chaya zum Abschied mit, denken nicht daran, sich zu beugen, denn “dies ist unser Land, auf das wir ein Anrecht haben”.

Der Weinbau in den judäischen Bergen, so erzählt sie mit Verweis auf die Weinkellerei Gush Ezion stehe in weit zurückreichender jüdischer Tradition. Die jüdische Präsenzzwischen  Jerusalem und Hebron  reiche zurück bis zu Abraham und den jüdischen Patriarchen. Auch König David und die Makkabäer hätten ihre Fußspuren dort hinterlassen, wo sie heute wohne.

Weinkellerei Gush Ezion
Weinkellerei Gush Ezion

Bibel- und Geschichtsfest erklärt sie, dass Jerusalem und Hebron über Jahrhunderte hinweg die zwei wichtigsten kulturellen Zentren des Judentums gewesen seien und noch während der Diaspora von kleinen jüdischen Gemeinden bewohnt blieben.

In all ihrem Wissen wurzelt ihre Anschauung. Zur Zwei Staaten Lösung hat die intelligente junge Frau eine dezidierte Meinung.

Für Chaya ist die Agenda einer Zwei Staaten Lösung ein Hirngespinst. Sie verweist auf Ben Dror Yemini, der die Realisierung eines palästinensischen Staates unter den Bedingungen des Nahen Ostens heute für unmöglich erachtet. Im Gegensatz zu Dror Yemini, schließt Chaya daraus, dass es höchste Zeit sei, die Forderung vom Tisch zu nehmen. Sie diene einzig der Diskreditierung der Siedler als Friedenshindernis. Wer in Israel predige, sich für den Frieden von den Palästinensern abzukoppeln, ignoriere die Lehren des Rückzugs aus Gaza und die Veränderungen in der arabischen Welt. Ein friedfertiger palästinensischer Staat sei eine Illusion.

Als die Palästinenser 2000 von Ehud Barak einen eigenen Staat angeboten bekamen, antworteten sie mit der Zweiten Intifada, der mehr als 1000 Israelis zum Opfer fielen. Als Reaktion auf den Terror mauerte Israel das benachbarte Bethlehem und andere palästinensischen Ballungszentren ein.
Wer sich heute über den Mangel an Freizügigkeit für die Palästinenser beschwere, müsse verstehen, dass dieser dem palästinensischen Terror geschuldet sei und nicht dem israelischen Siedlungsbau.
Sie ergänzt, dass israelische Streitkräfte bei Razzien in palästinensischen Städten ständig Waffendepots ausheben und der Geheimdienst ständig Terrorzellen aufspüren würde.

Siedlungen seien zunächst einmal kein Verbrechen, betont sie. Außerdem sagt sie, dass Siedler und Palästinenser sich nicht gegenseitig als Hindernis sehen müssten.
Chaya erzählt, dass alteingesessene Siedler bis zur ersten Intifada nach Bethlehem zum Einkaufen gefahren seien.
Viele Spannungen, die das Nebeneinander von Israelis und Palästinensern heute verderben, seien von außen orchestriert, sagt Chaya. Die PA stellt für Chaya das größte Hindernis für ein friedvolles Nebeneinander von Juden und Palästinensern in der Westbank dar. Die „linke israelischen Presse“ und ausländischen NGOs sieht sie gleichfalls als Unruhestifter. Sie verweist auf “Die Lügenindustrie” von Ben Dror Yemini und “Allein unter Juden” von Tuvia Tenenbom.

So wie sie selbst voll hinter der jüdischen Präsenz im biblischen Kernland der Juden steht, anerkennt sie die arabische Präsenz. Sie ist gegen Landraub, gegen die Forderungen von extremistischen Siedlern, die Palästinenser zu deportieren.
Gleichzeitig spricht sie sich gegen die Fortsetzung der Militärbesatzung aus. Die Zivilverwaltung durch die Militärbesatzung, so sagt sie, schade mit ihren Restriktionen den Juden und den Palästinensern.

Die Wirklichkeit sehe so aus, dass Juden und Araber nicht bereit seien zu weichen. Akzeptiere man diese Wirklichkeit, gelte es die Zwei-Staaten-Lösung zu begraben und nach Möglichkeiten der Koexistenz zu suchen.
Sie selbst lerne auch deshalb Arabisch, um sich bei der Verständigung mit den palästinensischen Nachbarn mit einbringen zu können.

Gleichsam ist die junge Siedlerin skeptisch hinsichtlich der lokalen Initiative Roots, die sich um eine Verständigung zwischen Siedlern und Palästinensern bemüht. Eine Skepsis, die auf einem generellen Misstrauen gegenüber “Friedensaktivisten” basiert. Nach allem, was gerade passiere, sowohl vor ihrer Haustür als auch in der Welt habe sie ihre Zweifel hinsichtlich der Moral in muslimischen Gesellschaften, sagt Chaya.

Myron Joshua, ein Roots-Aktivist, bezeichnet Chaya, die sich von der Verständigungsarbeit der Initiative einen persönlichen Eindruck machte, als interessierte und intelligente Frau, die “schwere Fragen” stellt.

Die Verständigungsarbeit von Roots basiert auf der Ideologie von Rabbi Frumann, einem ehemaligen Mitstreiter von Hanan Porat. Wie Porat gehörte Frumann den Fallschirmjägern an, die die Altstadt von Jerusalem befreiten. Rabbi Fruman ist der Pionier der interreligiösen Verständigung zwischen israelischen Juden und Palästinensern in den besetzten Gebieten, Pate zahlreicher Verständigungsprojekte und die spirituelle Bezugsperson von Roots. politische Vision von Rabbi Frumann war eine Zwei-Staaten-Lösung ohne Umsiedlungen. Jüdische Siedler sollten nach Frumann jüdische Bewohner eines palästinensischen Staates werden können.

Für Chaya ist es unmöglich, sich als Bürgerin eines palästinensischen Staates zu sehen. Sie sagt, dass sie nicht nach Israel ausgewandert sei, um sich dann erneut in der Diaspora wiederzufinden.

Chaya plädiert für die Auflösung der Besatzung in einer Ein-Staaten-Lösung. Dem Magazin Beton erklärte Chaya, dass sie kein Problem damit hätte, den Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft zu geben. Für die Auflösung der Besatzung in einer Ein-Staaten-Lösung gebe es eine Reihe von Entwürfen, sagt Chaya und zählt ganze fünf auf. Wobei sie sich für eine Mischung aus schrittweiser Einbürgerung der Palästinenser und eine weitgehend autonomen Verwaltung – nach Zerschlagung der PA – in den palästinensischen Ballungsgebieten ausspricht.
Konfrontiert mit der Projektion einer arabischen Mehrheit in Israel, die der jüdischen Heimstätte ein Ende bereiten würde, schüttelt sie den Kopf. Die Projektion würde viele Faktoren unberücksichtigt lassen. So zum Beispiel die jüdische Einwanderung, die nach allem, was gerade in der Welt passiert eher zu- als abnehmen wird.

Auf die Frage was sie zu den. als Hilltop Youth bezeichneten, fanatisierten Jugendlichen halte, sagt sie: Schade. Die Schuld daran schiebt sie in erster Linie den Eltern zu, die ein Abgleiten ihrer Kinder nicht zu verhindern wüssten. Es gebe tatsächlich einige sozialarbeiterisch gestützte Ansätze, wie Landwirtschaftsprojekte, um das Problem in den Griff zu bekommen. Allerdings, so stellt sie konsterniert fest, habe sich ein Teil der Hilltop Youth in den letzten Jahren radikalisiert und schreckliche Verbrechen begangen. Die fanatischen Jugendlichen, deren Hass den Palästinensern und dem Staat Israel in gleicher Weise gelte, seien für die friedliebende Mehrheit der Siedler nicht erreichbar, und fühlten sich im Gegenteil mit jeder Verurteilung ihres Tuns noch mehr bestätigt.

Gush Ezion Kreuzung
Gush Ezion Kreuzung

Chaya begleitet mich aus Alon Shvut heraus, hält uns ein Auto an, in dem ein Reserveoffizier und zwei Palästinenser sitzen, die sich auf Arabisch unterhalten. Die Palästinenser lädt der Reserveoffizier an einer Werkstatt ab und uns an der Kreuzung Gush Ezion. Chaya trampt nach Jerusalem, ich nach Kfar Ezion.

Nach Myron Joshua aus Kfar Ezion gehört das Land Israel nicht den Juden, sondern die Juden in das Land. Myron leitet daraus die Verpflichtung ab, eine gute und gerechte Gesellschaft im Geiste der Propheten zu entwickeln. Es gebe außer den Juden noch Menschen, die auch zu diesem Land gehörten. Es gehe nicht nur darum, sich das Land zu teilen, sagt er, sondern in diesem Land auch gemeinsam zu leben. Myron engagiert sich beim Projekt Roots für die interreligiöse Verständigung zwischen Siedlern und deren palästinensischen Nachbarn.

Myron ist als Sohn deutscher Auswanderer in Minneanapolis geboren und aufgewachsen. Er schloss sich der religiös-zionistischen Bewegung Bnei Akiva an und kam 1966/67 nach Israel um einen Vorbereitungskurs für Gründung eines Kibbuz zu absolvieren. Zu seiner Vorbereitungsgruppe gehörten hauptsächlich Juden aus den USA und aus Kanada. 1971 wurden sie in den wenige Jahre alten Kibbuz Kfar Ezion gerufen. Ein Ruf, der wegen der Lage des Kibbuz in den besetzten Gebieten manchen von ihnen Kopfzerbrechen bereitete.

Kfar Ezion hat heute ca. 900 Einwohner. Ca. 70 Familien, erklärt Myron, würden zum Kollektiv des Kibbuz gehören. Weitere 70 Familien würden in Kfar Ezion leben ohne zum Kibbuz zu gehören.

In den Jahren nach Oslo nahm Myron an israelisch-palästinensische Begegnungen teil, die von Eliaz Cohen organisiert wurden, einem Schüler von Rabbi Frumann.

Eliaz Cohen hat einen Namen als Dichter und ist Mitherausgeber von „Maishiv Haruah“, eine Zeitschrift, die der religiösen Dichtung gewidmet ist. In seinen Gedichten thematisiert er sehr oft die Notwendigkeit der Aussöhung der Nachfahren Abrahams.

Im Anschluss an eines dieser Treffen gab Myron einem palästinensischen Jordanier einen Tramp und gelangte so zu Musa, dem Hausmeister der Grundschule von Gush Ezion. Ein Mann der den Bewohnern von Gush Ezion bekannt war und dessen armselig anmutendes Haus am Eingang von Khirbet Zakharia steht, einem palästinensischen Dorf inmitten des jüdischen Siedlungsclusters. Myron erfuhr, dass Musas Sohn geheiratet hatte und gerne mit seiner Frau im Haus seines Vaters in Khirbet Zakharia wohnen würde. Doch Musas Bemühen, bei der Zivilverwaltung eine Baugenehmigung zu erwirken, war erfolglos. Myron wandte sich an den Vorsitzenden der Regionalverwaltung um ein Empfehlungsschreiben für den Hausmeister zu erwirken. Der Regionalverwalter lachte und meinte, dass er kein Problem habe, so ein Schreiben aufzusetzen, da eine Genehmigung ohnehin nicht erteilt würde. Für Myon waren die Begegnungen mit Musa und dem Zynismus des Regionalverwalters Schlüsselerlebnisse. Er begann die Welt und die Lebenssituation der Palästinenser mit anderen Augen zu sehen.

Myron im Gespräch
Myron im Gespräch

Er habe die vermeintliche Rückständigkeit der Palästinenser lange als kulturell bedingt angesehen, sagt Myron. Dann sei ihm klar geworden, dass es an der Militärbesatzung liege und viel junge Palästinenser durch nicht erteilte Baugenehmigungen gezwungen seien, in die von der PA kontrollierten Ballungszentren abzuwandern.

Myron brannte es unter den Fingernägeln, Khirbet Zakharia zu besuchen. Wie unbekannt die palästinensische Gemeinde den Bewohnern von Kfar Ezion war, kann durch ein Gerücht veranschaulicht werden, dass Ende der 90er im Umlauf war. In Khirbet Zakharia, so hieß es, lebten Menschen in Wohnhöhlen.

Die zweiten Intifada setzte sowohl den Begegnungen, die Eliaz Cohen initiiert hatte, als auch dem Ansinnen Myrons, das palästinensische Nachbardorf zu besuchen, ein vorläufiges Ende. Es dauerte Jahre, bis Myron das erste Mal Khirbet Zakharia besuchen sollte. Als Myron bei den Jerusalem Hugs einen Palästinenser aus Beit Ummar umarmte, fasste er sich ein Herz und bat diesen, ihn mit nach Khirbet Zakharia zu nehmen.

Sein erster Besuch in der palästinensischen Gemeinde schockierte ihn. Nicht wegen der Wohnhöhlen, die es nicht gab. Sondern wegen der Enge in der die Familie leben. Er hörte von unzähligen abgelehnten Bauanträgen, sah eine halbfertige Moschee, die nicht weitergebaut werden darf und eine Straße, die ohne Genehmigung geteert und deshalb vom israelischen Militär wieder aufgerissen wurde.

Gemeinsam mit Eliaz Cohen begann Myron nach Wegen zu suchen, etwas zu ändern. Es ging dabei nicht darum, einen großen politischen Entwurf zu verfassen, sondern um die Frage nach konkreter lokaler Kooperation gegen Missstände.

Eliaz Cohen begründete eine Initiative, um eine Begegnung zwischen Siedlern und Palästinensern zu schaffen. Myron kann sich an die erste Begegnung dieser Art noch lebhaft erinnern. Siedler und Palästinenser machten ihre Angst vor dem Anderen zum Thema. Eine Siedlerin gab zu, dass sie sich nicht traue, palästinensische Anhalter mitzunehmen. Ein Palästinenser beklagte, dass er seinen Kindern nicht erklären könne, warum die Juden von der Zivilverwaltung besser behandelt würden. Rabbi Frumann sagte, dass er sich für die aufgerissene Straße und die halbfertige Moschee schäme und Eliaz Cohen verlas Verse des Propheten Zakharias. über dessen Ruhestätte nach muslimischem Glauben die halbfertige Moschee des Dorfes steht.

Die Siedler, so formulierte es Rabbi Fruman, sollten die fünf Finger der zum Frieden ausgestreckten Hand bilden.

Die Begegnungen zwischen Siedlern und Palästinensern wurden zunächst nicht groß bekannt gemacht. Beide Seiten waren vorsichtig, nicht als Verräter geächtet zu werden. Eine Veröffentlichungen von Myron im Lokalblatt von Gush Ezion zogen v.a. ablehnende Reaktionen nach sich.
Rabbi Schlesinger, ein langjähriger Bewohner von Alon Shvut, war indes fasziniert und bewahrte den Artikel für lange Zeit in seiner Schreibtischschublade auf.

Kurz nach dem Treffen mit den Palästinensern gab es in Kfar Ezion eine Kibbuz Vollversammlung, deren Vorsitz Eliaz Cohen führte. Thema war der 10monatige Baustop, den die israelische Regierung als Geste des Guten Willens gegenüber den Palästinensern über die Siedlungen verhängt hatte.

Ganz aufgewühlt von dem Treffen mit den Palästinensern, wagte es Myron dem Siedlervater Hanan Porat zu widersprechen und den Versammelten ins Gesicht zu schreien, dass sie engstirnig seien und nur sich selbst sehen würden. Er verwies auf die Bewohner von Khirbet Zakharia, die um einiges mehr unter der Politik zu leiden hätten und für die sich niemand interessiere.

Die erste Generation der Siedler sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, um die Palästinenser wahrzunehmen. Bei der zweiten Generation gebe es ein ganz anderes Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Verständigung, sagt Eliaz Cohen.

Der politische Diskurs, so meint Myron, sei rückwärtsgewandt und suche nach der Schuld in der Vergangenheit, statt um sich zu schauen und zu sehen, dass es genügend Platz für alle gebe. Nicht auf dem Boden sei es eng, sondern in den Herzen.
Viel zu viel Energie würde darauf verschwendet, die Realität ändern zu wollen.

Als der protestantische Pastor John Moyle aus Virginia, der sich bei „Christ at the checkpoint“ engagiert, Khirbet Zakharia besuchte, beschloss er – für einen Friedensaktivisten ungewöhnlich – auch Kfar Ezion zu besuchen. Er vermittelte Myron weitere Treffen mit Bewohnern der nahe liegenden palästinensischen Dörfer. Die Aktivitäten von Myron nahmen Fahrt auf. Nachdem jahrelang kaum etwas passiert war, geschah plötzlich sehr viel, erinnert sich Myron.

Myron begann ausländeische Besuchergruppen nach Khirbet Zakharia zu führen, wo sie von palästinensischen Bewohnern über ihre Situation berichteten. Dabei bekam er mit, dass sich die Palästinenser so sehr vor den Siedlern fürchteten, wie die Siedler sich vor den Palästinensern.

Myrom und Eliaz Cohen fanden 2012 über facebook einen Ali Abu Awwad aus Beit Ummar, der Palästinenser zur Gewaltfreiheit aufruft. Myron begleitete Shaul Judelmann zum Hof von Alis Familie in Khirbet Zakharia, wo sie von diesem gleich bei ihrem ersten Treffen einen Schlüssel ausgehändigt bekamen.

Shaul Judelman gehört zu einer Art religiös-ökologischen Avantgarde. Er sei auf zu vielen Beerdigungen gewesen, sagt Shaul Judelmann, der in Gush Ezion wohnt und habe daher angefangen, auf die palästinensischen Nachbarn zuzugehen. Diejenigen, die vor Ort lebten könnten zur Lösung des Konflikts einiges mehr beitrage, als diejenigen, die nur darüber reden, ist er sich sicher.

Ali ist Mitbegründer der innerpalästinensischen Bewegung „Al Tariq“ (Der Weg), die sich für Gewaltverzicht einsetzt. Ali stammt aus einer Flüchtlingsfamilie aus Beit Ummar. Seine Mutter war PLO Aktivistin und wurde vom israelischen Inlandsgeheimdienst verhaftet als er 10 Jahre alt war. Er sei unter den schlimmsten Bedingungen aufgewachsen unter denen ein Kind aufwachsen könne, sagt Ali: ohne seine Mutter, die zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden war und unter einer Militärherrschaft, die Verzweiflung und Frust stiftete. Die meiste Zeit ohne Wasser und Strom und dafür mit ständigen Kontrollen, Absperrungen und Tränengas, beschreibt Ali seine Jugend. Aus Ärger habe er während der ersten Intifada Steine geworfen. Die Bedingungen in den Flüchtlingslagern bedurften keiner zusätzlichen Hetzer, sagt Ali, um die Eruption der Gewalt Ende der 80er Jahre zu erklären. 1990 wurde Ali verhaftet und zu einer Haftstrafe verureilt. Als sein Anliegen, seine Mutter zu sehen, die in einem anderen Gefängnis saß mehrfach abgewiesen wurde, traten er und sie in einen 17tägigen Hungerstreik. Dies, so sagt Ali, sei seine erste Erfahrung mit gewaltlosem Widerstand gewesen. Als er 1994 entlassen wurde, fand er eine neue politische Situation vor. Die Palästinenser regierten sich nun selbst. Gewalt galt nicht mehr als legaler Widerstand gegen die Besatzung und Ali rekrutierte sich für die Polizeikräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde. Er verhaftete und verhörte Palästinenser, die weiter gewaltsam gegen die Israelis kämpften. Mit der Zeit habe er angefangen an seiner Tätigkeit zu zweifeln, erinnert sich Ali. Auf der einen Seite habe er bei der Unterdrückung palästinensischer Gewalt mitgewirkt, auf der anderen Seite habe er keine Lockerung der Besatzung gespürt. Das Gefühl Handlanger der Besatzung zu sein, brachte ihn 1997 dazu, zu kündigen.

Während der Zweiten Intifada wurde Ali von einem Siedler ins Knie geschossen. Als er zur Behandlung in Saudi Arabien war, wurde sein Bruder an einem Checkpoint getötet. Nach vorliegenden Protokollen forderte Alis Bruder eine Reihe palästinensischer Kinder an einem Checkpoint auf, keine Steine zu werfen. Ein Soldat der sich durch die Einmischung provoziert fühlte, gelangte mit Alis Bruder in eine Auseinandersetzung, die damit endete, dass er ihn aus nächster Nähe erschoss. In Ali kochte zunächst der Gedanke an Rache. Doch er schwor der Rache ab. Er wollte nicht töten.

Als seine Familie von einer israelischen Initiative kontaktiert wurde, die Trauernde beider Seiten zusammenbringt, und seine Mutter einem Treffen zusagte, war Ali schockiert. Er sei strikt dagegen gewesen eine israelische Familie ins Haus zu lassen, erinnert er sich und habe nicht verstehen können, wie seine Mutter anders denken konnte. Schließlich musste er sich aber ihrer Autorität ergeben. Das Treffen stellte die Weichen für sein weiteres Leben. Bis die jüdische Familie in ihr Haus kam, sei er überzeugt gewesen, dass Juden keine Gefühle hätten, sagt Ali. Als er seine Mutter mit der israelischen Mutter weinen sah, zerbrachen seine Weltsicht. Er wurde selbst für die Initiative aktiv und einer ihrer Repräsentanten im Ausland.
Er ist überzeugt, dass es ganz allgemein sei es ein Problem sei, dass die Palästinenser Israelis nur als Soldaten kennen würden und so von der jüdischen Humanität nichts mitbekommen würden.
Roots arbeitet mit militärischen Vorbereitungsakademien zusammen und organisiert Treffen von jungen Rekruten mit Palästinensern. Ali gebe den jungen Israelis mit auf den Weg, dass sie während ihres Militärdienstes für das Bild Israels in den Augen der Palästinenser prägen würden.

Die Angst, so sagt Ali, sei der Feind, den es auf beiden Seiten zu besiegen gelte. Der Weg zur Freiheit für die Palästinenser gehe durch die jüdischen Herzen.

Etwa durch das Herz von Hanan Schlesinger, heute Direktor für internationale Verbindungen bei Roots.
Hanan Schlesinger wanderte 1977 aus den USA nach Israel ein. Nachdem er drei Jahre in Jerusalem gelebt hatte, begann er auf der Hesder Talmundhochschule in Alon Shvut zu studieren und seinen Wehrdienst zu leisten. Die Renaissance des jüdischen Lebens in der Wiege des jüdischen Volkes versteht er als neuzeitliches Wunder. Die Leidenschaft für das jüdische Siedlungswerk ist von Hanan Schlesinger nicht wegzudenken. Er ist beseelt davon im Land der Vorväter zu leben. Er sieht die jüdische Präsenz in Judäa und Samaria in einer Kontinuität mit den biblischen Geschichten der Genesis, der Bücher Joshua, der Könige und Richter. Hanan Schlesinger sagt, es sei ein wahr gewordener Traum das Wasser aus der Zeit des ersten Tempels zu trinken. Er sagt, dass er die biblischen Ereignisse spüre und sehen könne, wenn er in das Land schaue. Als er 1980 in den Siedlungsblock zog, bestand dieser lediglich aus Kfar Ezion, Alon Shvut, Elazar und Rosh Tzurim. Als er mit den Jahren Nachts immer mehr Lichter immer neuer Siedlungen in dem vermeintlich leeren Land gesehen habe, sei ihm das Herz aufgegangen, sagt Rabbi Schlesinger.

Die Bewohner benachbarter palästinensischer Dörfer habe er schlicht nicht gesehen, sagt Hanan. Palästinensern sei er vielen begegnet, Gärtnern, Installateuren und Elektrikern, die er im Haus hatte und denjenigen, die er während seines Reservedienstes verhaftet hat.

Mit keinem von ihnen hätte er je ein ernsthaftes Gespräch angefangen, sagt Hanan. Nachdem er den Artikel von Myron Joshua im Lokalblatt von Gush Ezion gelesen hatte, begann die Neugier, selbst Palästinenser zu treffen, an ihm zu nagen. Schliesslich trat er mit Myron in Kontakt. Dieser verwies ihn zunächst an John Moyle, der ihn dann in Alon Shvut besuchte. Der Pastor lud ihn im Frühjahr 2014 zu einer kleinen Versammlung auf einem palästinensischen Hof ein, wo Palästinenser und israelische Siedler begannen, einander kennenzulernen. Siedler und Palästinenser seien sich so fern, sagt Hanan, dass es eines Pastors aus den USA bedurfte, um seine Nachbarn kennenzulernen.

Hanan erzählt, dass es das erste Mal gewesen sei, dass er Palästinensern auf gleicher Augenhöhe begegnet sei. Drei Stunden habe er mit ihnen geredet und gegessen und in ihre Gesichter geschaut. Die Palästinenser waren Ali Abu Awwat, Jamal, der mit seinen Kindern kam und Siad Zabatin, ein langjähriger Bekannter von Eliaz Cohen. Er habe die Palästinenser erstmals jenseits seiner Vorurteile als Menschen wahrgenommen, sagt Hanan. Als Menschen, die ihre eigenen Geschichten haben, die sie mit dem Land verbinden. Menschen, die sich dem Land ebenfalls stark verbunden fühlen und deren Erzählungen doch grundverschieden sind. Einen fremden Narrativ zu hören, der gleichsam Geltung fordere, habe ihn überwältigt, sagt Hanan. Um zu einer Verständigung zu kommen, so erklärt Hanan, müssten sich beide Seiten der schmerzhaften Erkenntnis stellen, dass die jeweils Anderen im gleichen Land verwurzelt sind. Zum eigenen Narrativ müsse sich die Empathie für den Anderen gesellen.

Hanan Schlesinger
Hanan Schlesinger

Als er die Geschichte von Ali Abu Awwad hörte, habe sich etwas vollzogen, was er mit dem Betrachten jener Illustrationen vergleichen könne, in denen allein durch eine Änderung des Blickwinkels ein neues Bild erscheine.
Seit dem Treffen verstehe er die Realität in Juedäa und Samaria als zwei sich Tag nicht mehr derselbe, sagt Hanan.
Die Ungerechtigkeit, die ihm bezeugt wurde, wühle ihn auf. Die unwürdige Behandlung der Palästinenser unter der Besatzung schmerze ihn.

Sorge, Skepsis und Angst lähmten viele Israelis und Palästinenser, erklärt Hanan. Außerdem, so Hanan, seinen beide Seiten so von ihrem Narrativ eingenommen, dass sie die Schuld in der Vergangenheit und die Verantwortung für die Zukunft allein der jeweils anderen Seite zuschreiben würden. 90% der Siedler würden die Identität der Palästinenser nicht anerkennen sagt Hanan. Für sie sei allein ihre eigene Identifikation mit dem Land legitimiert.

Bei Roots gehe es darum, Siedlern und Palästinensern die Scheuklappen abzunehmen um sie der Wahrheit der jeweils Anderen auszusetzen.
Der von Roots initiierte Dialog habe bestimmt Tausend Israelis aus Gush Ezion erreicht, erzählt Hanan und verweist darauf, dass dies immer noch nur ein Bruchteil der Bewohner des Siedlungsblocks sei.
Die Dialogpartner der Siedler sind eine Hand voll Palästinenser, vor allen Ali.

Hanan nennt einige Gründe dafür, warum sich so wenige Palästinenser bereit fänden, sich mit den Israelis aus den Siedlungen zu treffen. Das habe damit zu tun, dass die Palästinenser arm seien und neben dem Broterwerb keine Zeit für Begegnungen hätten. V.a. Aber habe es damit zu tun, dass es unter den Palästinensern als Kollaboration mit der Besatzung gelte, sich mit den Siedlern zu treffen. Eine Haltung, die Barrieren verfestige, beklagt Hanan. Da Ali aber in den palästinensischen Dörfern von seinen Begegnungen mit den Siedlern erzähle, erreiche Roots ein paar Hundert Palästinenser.

Myron erzählt eine Geschichte um die Dimension des Problems mit der PA zu verdeutlichen. Der Bruder des Mukhtars von Khirbet Zakharia vermittelte Siedler an einen Palästinenser in Bethlehem, der ihnen Stühle für eine Feier zum Laubhüttenfest lieh. Für die Feier wurde ein Stück Land von einem weiteren Palästinensischer gemietet. Die PA nahm alle drei fest und steckte sie ins Gefängnis.

Alis Glück sind seine Kontakte zur PLO. Außerdem vermutet Myron, dass es Eindruck auf die PA macht, dass Ali Siedler dazu bringt, sich öffentlich gegen die Militärbesatzung auszusprechen.

Ali setzte im Sommer 2014 ein eindrückliches Zeichen der Verständigung als er sich mit Jamal, einem weiteren Aktivisten von Roots bei der trauernden Familie eines der drei ermordeten Jugendlichen anmeldete. Es sei sehr bewegend gewesen, sagt Myron.  Die Familie bot den beiden Palästinensern Stühle an, um sich mit ihnen zu unterhalten und unterbrach dafür die Entgegennahme der Beileidsbekundungen der vielen Menschen, die sich anstellten.

Nach dem Mord an der Dawabsha Familie versammelten sich 350 Siedler und Bewohner der umliegenden palästinensischen Doerfer zu einem gemeinsamen Gebet im Friedenszentrum. Darunter auch viele Hardliner, die der Mord sichtlich erschüttert hat und denen es wichtig war, ein Zeichen zu setzen.

Zur Zeit sei Roots vor allem ein Hub, sagt Myron. Über die Initiative kämen viele Aktivsten zusammen und viele Projekte seien darüber gestartet worden. Zum Beispiel ein Arzt, der einmal die Woche aus Jerusalem kommt, und am Rande einer der Siedlungen Palästinenser behandelt. Roots arbeitet des Weiteren mit militärischen Vorbereitungsakademien zusammen und organisiert Treffen von jungen Rekruten mit Palästinensern. Ali gebe den jungen Israelis mit auf den Weg, dass sie während ihres Militärdienstes für das Bild Israels in den Augen der Palästinenser prägen würden.

Der Ansatz von Roots sei lokal, bestätigt, Hanan. Trotzdem solle aus den Begegnungen eine Bewegung mit politischer Wirkungsmacht entstehen. Den die Ungerechtigkeit lasse sich letztlich nur politisch beseitigen. Der spirituellen Transformation solle eine politische folgen.

Myron nimmt mich mit nach Khirbet Zakharia. Zunächst zu Musa, der inzwischen pensioniert ist und seit mehr als 20 Jahren auf seine Baugenehmigung wartet und einen Balkon abgehängt hat, um etwas zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Drei kräftige junge Männer halten uns auf der ungeteerten Straße an. Vermeintliches Alptraumszenarium aber tatsächlich begrüßen sie Myron freundschaftlich. Alles klar, fragen sie den Siedler und dieser erwidert: Alles klar bis auf die Baugenehmigungen. Was soll man machen, fragt einer der Palästinenser betont resigniert. Man müsse etwas unternehmen, erwidert Myron entschlossen, und und gibt irgendeine passende Weisheit aus dem Talmund zum Besten, was in ein kurzes Gespräch über Gottes Werk und des Menschen Beitrag mündet, dem ich

Schule Khirbet Zakharia
Schule Khirbet Zakharia

nicht folgen kann. Dann geht es weiter zu der Moschee mit ihrem halb fertig gebauten Minarett und einer kleinen Schule. Auch der Schule sei es nicht genehmigt anzubauen, sagt Myron und deutet auf den deutlich sichtbaren repräsentativen Bau der Talmundschule im benachbarten Alon Shvut, um den Gegensatz aufzuzeigen. Wir fahren an unzähligen Häusern vorbei, die illegal angebaut haben und gegen die Abrissbefehle erlassen wurden und an einem Grundstück, auf dem ein illegales Haus ganz abgerissen wurde und begegnen vielen Palästinensern, die Myron alle kennen.

Talmundschule in Alon Shvut
Talmundschule in Alon Shvut

 

 

Ich frage Myron, welchen Standpunkt die Aktivisten von Roots im Großen vertreten. Myron erklärt einleitend, dass sie von der Religion kämen und nicht von der Politik. Ihr Ansatz sei sozial und nicht politisch. Er sei aus der Enttäuschung über die Politik gewachsen, die keine Lösung des Konflikts zu Stande bringe. Gleichfalls ginge ihnen die Zwei-Staaten-Lösung von Rabbi Frumann, die sie zu  jüdischen Bewohner eines palästinensischen Staates machen würde zu weit. Viele der religiösen Siedler, die sich für Verständigung einsetzten, würden zum relativ jungen Ansatz “Zwei Staaten in einem Heimatland” tendieren. Hanan und Myron sind Anhänger des relativ neuen Ansatz “Zwei Staaten in einem Heimatland” einer Art Föderation zweier souveräner Staaten mit durchlässigen Grenzen, die jedem Bewohner zugestehen würde seinen Wohnort frei zu wählen.

Wir betreten Bat Ayin, eine schwierige Siedlung, wie Myron sagt. Viele Bewohner von Bat Ayin sind Anhänger von Rabbi Ginzburg, der den Staat Israel durch ein Königreich ersetzen und den dritten Tempel errichten möchte. Ginzburg sieht das Land als exklusiv den Juden gehörend an und ruft zum Siedlungsbau und zum Widerstand gegen Evakuierungen von Außenposten auf. Ginzburg, der in der berüchtigten Siedlung Yitzhar lebt, gilt als einer der Ideologen der Hilltop Youth.
Palästinensern ist es verboten Bat Ayin zu betreten. Anders als in Kfar Ezion oder Alon Shvut finden sich in Bat Ayin keine palästinensischen Arbeiter.
Einmal, so erzählt Myron, sei ein Team von Archäologen der Universität Haifa zu einer Ausgrabung in die Siedlung gekommen. Zwei der Archäologen waren arabische Israelis, die von einem Dutzend Siedler aus Bat Ayin beleidigt wurden. Der Fall ging durch die Medien.

Viel Arbeit für Roots sagt Myron, als wir schließlich Richtung Gush Ezion Kreuzung fahren um zu Ramy Levy zu gehen. Ramy Levy, wo Juden und Palästinenser gemeinsam arbeiten und einkaufen, gilt vielen als gelungene Koexistenz, wenn nicht sogar als Friedenssupermarkt. Der PA ist Ramy Levy als jüdischer Supermarkt, in dem Palästinenser einkaufen, ein Dorn im Auge. Myron relativiert die Begeisterung, als wir durch die unendlichen Regalreihen laufen. Für ein Musterbeispiel der Kooperation finde sich sehr wenig auf Arabisch ausschildert, merkt Myron kritisch an, und zeigt mir dann das einzige Schild im ganzen Laden, dass auf Arabisch ist. Es erklärt an der Express-Kasse, dass dort nur anstehen darf, wer bis zu 10 Waren hat.
In der Weinabteilung kennt Myron mal wieder Palästinenser. Drei Mitarbeiter des Supermarktes. Aus Beit Ummar, Jabah und Surif. Wann er das letzte Mal in Beit Ummar gewesen sei, wird Myron gefragt und fragt seinerseits, was in Surif los sei, eine palästinensische Gemeinde, in die sich kein Siedler trauen würde. Schnell ist das Gespräch bei der Angst. Sehr wenige Palästinenser würden einkaufen, sagen die drei, während sie den Wein einräumen. Die Angst vor den martialisch anmutenden Soldaten an der Kreuzung. Eine falsche Bewegung, so erklärt der Palästinenser aus Jaber, und man habe eine Kugel im Kopf.

Im Juni 2016 kamen Ali und Hanan nach Jerusalem, wo 50 Stühle für die vorwiegend national-religiösen Zuhörer nicht reichten.
Er habe viel mit linken Menschenrechtlern gearbeitet, sagt Ali, und viele Konferenzen besucht und viel in feinen Hotels geschlafen und an vielen Aktionen für den Frieden teilgenommen, von „Yoga for peace“ bis „Hoummus for peace“. Dann habe er irgendwann eingesehen, dass er, wenn er wirklich etwas erreichen wolle, diese Wohlfühlblase verlassen müsse. Und so kehrte er Tel Aviv den Rücken und wandte sich denjenigen Israelis zu, die den Palästinensern am verhasstesten sind – den jüdischen Siedlern. Von Menschen wie Hanan habe er schließlich erst gelernt, was Judäa und Samaria den Juden bedeute und das es eine Utopie sei, anzunehmen, die Siedler würden irgendwann verschwinden. Er habe begriffen, dass die Herausforderung darin bestehe, sich das Land zu teilen. Die meisten Palästinenser, so versichert Ali, seinen nicht gewalttätig.

Ali spricht
Ali spricht

Seine Ausführungen stifteten sichtlich viel Verwirrung. Einer der Zuhörer, der durch seine gestrickte Kippa klar als national-religiös erkennbar war, versuchte seine Gefühlslage in Worte fassen, als er sagte, dass ihm die Geschichte von Ali ein Dilemma aufzeige, dass er immer ignoriert habe. Auf der einen Seite stehe er voll hinter Großisrael und dem Siedlungswerk, auf der anderen Seite aber wolle er nicht Komplize der Ungleichbehandlung sein. Die Geschichte von Ali zu hören, habe ihn geschmerzt, gibt er zu und dass er sich wünsche, dass Palästinenser und Juden gleiche Rechte hätten, ohne dass die Juden deshalb auf ihr biblisches Kernland verzichten müssten.
Das Ziel von Roots, so Ali, sei einen sicheren Ort zu schaffen, um zu diskutieren und zu streiten ohne sich in Lebensgefahr zu begeben.

Text: Oliver Vrankovic

Bilder: Oliver Vrankovic