Gedenken und Lernen im Beit Wolyn

1965 errichtete die Vereinigung Wolhynien mit Geldern, die sie auf der ganzen Welt gesammelt haben in Givatayim ein großes Haus in Form eines Sarges zum Gedenken an Wolhynien. Das Beit Wolyn ist ein extrem brutalistischer und beklemmender Betonklotz. Im Inneren gibt es ein Auditorium, ein paar Ausstellungsstücke und verschiedene Räume für die Untergruppen der Vereinigung Wolhynien, die sich nach der Zugehörigkeit zu den ehemaligen Gemeinden in Wolhynien gliedern. Seit den 70er Jahren nutzt Yad VaShem das Gebäude als Außenstelle. Jeden Sonntag füllt sich das Auditorium des Beit Wolyn mit Leben, wenn Hunderte Senioren aus Givatayim ihre Woche mit dem Besuch einer Vorlesungsreihe beginnen.

Tzipi Karelitz erzählt, dass vor dem Krieg fast jede Gemeinde in Wolhynien eine jüdische Schule hatte und eine jüdische Oberschule und viele zionistische Jugendbewegungen in Wolhynien aktiv waren. Auch in der Stadt Warkowicze, aus der die Eltern von Tzipi Karelitz, Chana Krup, geb. Sheinbein und Mordechai Krup, stammten.
Mit der Teilung Polens im September 1939 wurde Wolhynien von der Sowjetunion annektiert. Der Annektion folgte eine Politik der Ausschaltung jüdischer Parteien, Organisationen und Institutionen und Enteignungen von Geschäften und landwirtschaftlichen Familienbetrieben.

Die Vernichtung der Juden in Wolhynien begann mit dem deutschen Angriff auf den Sowjetunion im Juni 1941. An vielen Orten mordeten die Ukrainer noch vor der Ankunft der Deutschen oder unmittelbar danach. Am 22. Juni 1941 wurde Warkowicze von deutschen Flugzeugen bombardiert, und kurz darauf umstellten die deutschen Truppen das Gebiet. Jeder Tag brachte neue Dekrete über die Juden von Warkowicze. Sie waren gezwungen,die Straße von Rowno nach Dubno zu befestigten, die Bahngleise zu verengen und andere harte Arbeiten zu verrichten. Jeder Tag brachte Demütigungen, Folter und Morde. In Zhitomir wurden in der letzten Juliwoche 1941 2.500 Juden umgebracht, während mehrere Tausend in ein Ghetto gesperrt wurden, das am 19. September desselben Jahres liquidiert wurde (hauptsächlich von Ukrainern). Am 6. November 1941 wurden in Rowno 21.0000 Juden von der Einsatzgruppe C und ukrainischen Kollaborateuren erschossen. In vielen Städten Wolhyniens wurden Ghettos eingerichtet. Sie existierten bis um die Zeit des jüdischen Neujahrsfestes 1942.  Zwischen September und November 1942 wurden die in Wolhynien verbleibenden Juden durch Massenerschießungen vernichtet. In Kremenez, wo es noch zu einem jüdischen Aufstand kam, wurden 19.000 Juden erschossen. Nur 14 Juden aus Kremenez überlebten den Holocaust.

Die Juden der Stadt Warkowicze wurden zum Pessachfest 1942 (April) in ein Ghetto gesperrt. Die Familie von Mordechai Krup zog zur Familie von Chana Sheinbein, deren Haus im Ghetto lag.
Im September 1942 erreichten Warkowicze Gerüchte über Massenerschießungen in den benachbarten jüdischen Gemeinden. Chana und Mordechai und zwei Schwestern von Mordechai entkamen aus dem Ghetto und gingen in ein Dorf, das hauptsächlich von angesiedelten tschechischen Bauern bewohnt wurde und fanden dort Verstecke. Vier Tage später, nach Simchat Tora, teilte der Bauer, der Chana und Mordechai versteckte, ihnen mit, dass alle Juden aus Warkowicze in einem Waldgebiet vor offenen Gräbern erschossen wurden – 2.300 jüdische Männer, Frauen und Kinder.
Von diesem Tag an gingen Chana und Mordechai heimlich von Dorf zu Dorf und suchten Schutz und Nahrung.
Als der ukrainische Winter begann, fanden sie ein Erdloch, in dem sich 20 Männer und Frauen drängten – die meisten von ihnen Überlebende aus dem Ghetto Warkowicze. Mordechai erfuhr, dass seine Eltern, Avraham und Gitle, die Liquidierung des Ghettos überlebt hatten und im Dorf Dombruvka waren. Chana und Mordechai verließen am nächsten Tag das Erdloch und fanden tatsächlich Mordechais Eltern. Niemand von denjenigen, die sich weiter in dem Erdloch versteckt hielten, überlebte den Holocaust.
Mordechai beschloss sich mit seinen Eltern und Chana und einer Schwester von Mordechai, die sich ihnen angeschlossen hat, in Scheunen zu verstecken. Er ging jede Nacht hinaus um an die Fenster der Bauern zu klopfen und um Essen zu betteln.

Menschen, die in Häusern aufgewachsen waren, denen es an nichts mangelte, mit Eltern, die sie mit Wärme und Liebe umarmten, waren lebten wie gejagte Beute, hungrig, dreckig, verängstigt, halb erfroren und mit Läusen infiziert.
In einer Nacht im September 1943 wurden sie von Gewehrschüssen geweckt. Mordechais Vater und seine Mutter und seine Schwester wurden in der Nacht erschossen. Mordechai und Chana entkamen.
Am 8. Februar 1944 eroberten russische Truppen das Gebiet. Von ihren Familien überlebten nur Mordechai, Chana und eine Schwester von Mordechai.

Tzipi wurde am 26. August 1946 in Santa Maria di Luca geboren, wo sich ihre Eltern Mordechai und Chana in einem Kibbuz der Bricha im Flüchtlingslager auf die Ausreise vorbereiteten. Im Dezember 1948 gelangten sie auf abenteuerlichem Weg nach Israel.
Mordechai Krup starb im August 2011 im Alter von 92 Jahren, Chana Krup starb genau drei Monate später im Alter von 90 Jahren.

Mordechai Krup, der bei der Post arbeitete, war viele Jahrzehnte lang für die Vereinigung Wolhynien aktiv, einem Zusammenschluss von ehemalige Bewohnern von Wolhynien, Auswanderern, Flüchtlingen, und Überlebenden des Holocaust. Die Überlebenden, so sagt Tzipi, haben ihre Familien verloren und sich mit anderen Überlebenden aus ihren Gemeinden oder auch anderen Gemeinden zu Ersatzfamilien zusammengeschlossen. Die Vereinigung Wolhynien wurde 1945 gegründet. Tzipi Karelitz ist heute ihre stellvertretende Vorsitzende.

Tzipi Karelitz

Klar definiertes Ziel der Vereinigung Wolhynien ist es das Wissen über das Leben in Wolhynien an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Eine zur Vereinigung gehörige Stiftung Wolhynien schreibt regelmäßig Preise aus für Arbeiten von Nachfahren über Wolhynien. Jede Gemeinde begeht einmal im Jahr eine Zeremonie zum Gedenken an die Vernichtung. Dazu kommt die zentrale Gedenkzeremonie für Wolhynien nach dem jüdische Kalender wenige Tage vor Neujahr und der Yom HaShoa. Bei den Zeremonien werden Anekdoten aus Wolhynien erzählt. Da es schon fast keine Zeugen mehr gibt, übernehmen dies zunehmend die Familie der Zeugen. So wie Tzipi, die über Warkowicze redet.
1975 entschloss sich die Vereinigung Wolhynien zur Zusammenarbeit mit Yad VaShem. Yad VaShem nutzt das Beit Wolyn seither als Außenstelle für Bildungsarbeit und hilft der Vereinigung Wolhynien das Haus zu erhalten. Yad Vashem unterhält im Beit Wolyn eine Bibliothek, in der viele historische Dokumente von unschätzbarem historischen Wert aufbewahrt sind. Als Channa Zur aus Ramat Gan nach Zeugnissen gesucht hat, die den Leidensweg ihrer Mutter dokumentieren, ist sie von Yad VaShem an die Bibliothek im Beit Wolyn verwiesen worden, wo sie tatsächlich Dokumente über den Einsatz ihrer Mutter als Zwangsarbeiterin gefunden hat.

Im Beit Wolyn finden sich Gedenktafeln für die Vernichteten aus Wolhynien, eine Ausstellung mit Gemälden eines Schülers von Janus Korczak und eine Plastik eines Verstecks unter einem Kuhstall, von einem Überlebenden, der in so einem Versteck überlebt hat. Besonders beklemmendes Ausstellungsstück ist das Modell der Synagoge von Kowel, die als Sammelstelle für Deportationen genutzt wurde und eine Dokumentation der Inschriften, die an den Wänden der Synagoge entdeckt wurden – angebracht von Menschen auf dem Weg in die Vernichtung.

Modell der Synagoge von Kowel und Dokumentation der letzten Worte

Bei einer geführte Besichtigung der Bilder- und Fotoausstellung im Beit Wolyn über das jüdische Leben in Wolhynien in den 20er/30er Jahren zeigt Nurit Faige von Yad VaShem auf ein großes Bild einer Zusammenkunft des HaShomer HaTzair in Wolhynien und erklärt, das nur zwei der jungen Menschen auf dem Bild den Holocaust überlebt haben.

Shomer HaTzair in Wolhynien

Vor dem Beit Wolyn steht ein 1994 errichtetes Partisanen Denkmal mit allen Namen der Partisanen aus Wolhynien.

Partisanen Denkmal

Seit einigen Jahren kooperiert die Vereinigung Wolhynien mit der Histadruth Givatayim, die dort im großen Saal für die Senioren der Stadt Givatayim einjährige Semester mit 34 Vorlesungen anbietet. Das aktuelle Semester wurde am 14. Oktober vom Vorsitzenden der Histadruth Givatayim, Ofer Hatuka eröffnet. Organisiert wird das Semester seit sechs Jahren vom Sekretär der Histadrut Givatayim, Eli Holtzman. Die erste von 34 Vorlesungen hatte „Die IDF und die Medien“ zum Thema. Dozent war Oded Ben-Ami, ehemaliger Armeesprecher und einer der renommiertesten Journalisten Israels. Alle 34 Vorlesungen werden von  Experten gehalten. Die Themen reichen von Genforschung, Datenschutz, Sicherheitspolitik, historische Gerichtsurteile, Antarktis und Bhutan bis Rachmaninoff.

Semesterbeginn

Nach den Worten des Histadrut Vorsitzenden Avi Nissenboim, der bei der Eröffnung auch zugegen war, wird die Histadruth nach dem Vorbild Givatayim überall im Land Seminare für Senioren anbieten. Dieses Jahr haben sich mehr als 350 Senioren aus Givatayim für das Semester eingeschrieben, darunter viele Holocaustüberlebende. Eli hat schon durchscheinen lassen, dass es auch dieses Jahr wieder einen Studentenausflug geben wird.
Eine der Studentinnen ist Sima Schnit, die lange Zeit ein Semester der Lehrergewerkschaft besucht hat und sich dann entschlossen hat, sich für das von Eli organisierte Semester der Histadruth im bei Wolyn einzuschreiben.

Sima stammt aus dem Norden von Griechenlands, wo es ihren Eltern gelang sich während der deutschen Besatzung in einem Dorf in den Bergen zu verstecken. Ihr Vater der sich den Partisanen angeschlossen hatte wurde im Krieg verletzt. Mit ihrer Mutter flüchtete Sima 1946 auf dem illegalen Flüchtlingsschiff Henriette Szold, das zweimal fast gesunken wäre Richtung Palästina. Das das Schiff abgefangen wurde, mussten Sima und ihre Mutter vor ihrer Ankunft in Erez Israel 9 Monate in einem Internierungslager in Zypern verbringen.

Heute engagiert sich Sima ehrenamtlich in einem von ihr gegründeten Verein für Holocaustüberlebende. Sima hat bereits vor zwanzig Jahren angefangen mobile Rechtshilfe zu leisten insbesondere zu Renten und Wiedergutmachungszahlungen. Inzwischen hat sie vom Bürgermeister von Givatayim einen eigenen Büroraum im Beit HaRishonim in Givatayim bekommen. Die ehrenamtliche Hilfe für Holocaustüberlebende, so sagt sie, sei ein Versprechen, dass sie ihrer Mutter an deren Sterbebett gegeben habe. Viele der Studenten aus dem Semester kennt sie aus der Beratung. Sima war lange lange Mitglied im Parlamentarischen Ausschuss zur Förderung der Rechte der Holocaustüberlebenden. Jede zweite Woche geht sie ins Cafe Europa, einem Angebot für Holocaustüberlebende der Pflegekette Mishan in ihrer Niederlassung in Givatayim um ihre Rechtsberatung anzubieten.

Sima lobt das „sehr gutes Programm“ des Semesters der Histadruth und betont, dass sich Eli „um mehr als nur die Vorträge“ kümmert. Sie erzählt, dass sich im Semester Freundeskreise gefunden haben und sich Gruppen auch außerhalb der Sonntäglichen Vorlesungen treffen. Eine Gruppe, die sich im Semester kennengelernt hat ist zusammen ins Ausland gefahren. Der Semesterbeginn, so sagt Sima Schnit ist immer ein Freudentag.

 

Sima und Eli