Leben an der Grenze

Adele Raemer ist in den USA geboren und aufgewachsen und hat sich dort der zionistischen Jugendbewegung Young Judaea angeschlossen. Nach dem Yom Kippur Krieg machte Adele Aliya und wurde eine der Mitbegründerinnen des Young Judea Kibbuz Ketura in der Negev Wüste. 1975 kam sie im Rahmen ihres Wehrdienstes in das Kibbuz Nirim und blieb dort bis heute.

Nirim hat heute ca. 450 BewohnerInnen und liegt wenige Hundert Meter entfernt von der Grenze zum Gazastreifen. Bis zum Ausbruch der ersten Intifada ging Adele nach Gaza zum Einkaufen und an den Strand. Adele war eine Befürworterin des israelischen Abzugs aus dem Gazastreifen 2005. Doch der von ihr erhoffte Frieden mit ihren palästinensischen Nachbarn blieb aus. Adele beschreibt ihr Leben im Umland von Gaza als 95% Himmel und 5% Hölle.

Adele Raemer

Der Kibbuz wurde seit 2001 von Dutzenden Raketen und Mörsergranaten getroffen. Oft konnte sich Adele in Bunker flüchten. Manchmal nicht. Vom Sicherheitszaun des Kibbuz sieht man die Moschee von Abasan Al-Kabira. Die Felder des Kibbuz reichen bis genau an den Grenzzaun. Die Einrichtungen für Kinder in Nirim sind von einem dicken Betonmantel eingekleidet, der sie bombensicher macht.

Im Dezember 2008/Januar 2009 erlebte Adele die Militäroperation Gegossenes Blei aus nächster Nähe mit. Während der militärischen Auseinandersetzung wurde ihr Nachbar im benachbarten Kibbuz Nir Oz getötet. Die Militäroperation hat an die Situation im Umland von Gaza nichts geändert. Aus Frust über das mangelnde Interesse der Politik zu einer wirklichen Lösung zu gelangen, gründete Adele 2011 die Facebook Gruppe „Life on the border with gaza – things people may not know (but should)„. Ihr Ziel ist, über den Alltag im westlichen Negev zu berichten und so zu verhindern, dass das Thema von der Politik unter den Teppich gekehrt wird.

Im November 2012 erlebte Adele die Militäroperation Wolkensäule aus der ersten Reihe mit, die wie die vorangegangene Militäroperation keinerlei Änderung brachte. Dann berichteten Bewohner von Nirim und anderen Kibbuzim, dass unter ihnen gegraben würde. Das Ausmaß des Netzwerks von Angriffstunneln wurde erst während Militäroperation Schutzlinie im Sommer 2014 deutlich. Adele, die in einer Feuerpause von der Armee die Erlaubnis bekam einen MBC Reporter in die Tunnel zu führen, vergleicht es mit einem Ameisenhaufen. Traumatisch ist Adele ein Abend während der Kämpfe in Erinnerung, als Eindringlinge in Nirim vermutet wurden und sich alle Bewohner in ihren Häuser verschanzen mussten.

Die militärische Auseinandersetzung 2014 war härter als die vorangegangenen und viele Bewohner des Kibbuz zogen sich ins Landesinnere zurück. Neben denjenigen, die für die Land- und Milchwirtschaft nicht entbehrbar waren, blieben viele Bewohner, die gewillt waren, dem Terror zu trotzen. Dazu gehörte neben Adele und Anderen auch die Familie von Melamed Shachar, dem Assistenten von Zevik Etzion, dem Sicherheitsbeauftragten (Rafschatz) von Nirim.

Am 22. August 2014 wurde der vierjährige Daniel Tregerman in Nachal Oz getötet. Am 26. August wurde Nirim mit Sperrfeuer belegt. Eine Mörsergranate explodierte neben dem Haus von Adele. Die Granatsplitter zerstörten ihren Wasserboiler und verwüsteten ihr Schlafzimmer. Das Sperrfeuer zog einen Stromausfall im Kibbuz nach sich. Shahar Melameds Frau Anat und ihre drei Kinder gingen in das Gebäude der Kinderkrippe, wo Anat als Erzieherin arbeitete und das ohne Klimaanlage erträglicher war als das Wohnhaus. Unterstützt von Zevik Etzion, Shahar Melamed und Gadi Yarkoni führten Arbeiter der israelischen Elektrizitätswerke Reparaturen an einem Strommasten direkt neben dem Gebäude der Kinderkrippe durch. Während der Reparaturen wurde Nirim Ziel von Raketenangriffen.

Ein Fernsehteam von Kanal 2, das über einen Einschlag in den Kuhställen vom Vortrag berichtete wurde während des Drehs vom Raketenalarm überrascht.
Shahars Kinder konnten ihren Vater und die anderen, die an der Wiederherstellung der Elektrizität arbeiteten bei Alarm um Deckung rennen sehen. Bis zu einem Alarm der für die Männer zu kurz war. Die Splitter einer Rakete töteten Zevik Etzion, Vater von fünf Kindern, sofort. Shahar, der schwer verletzt wurde, erlag am gleichen Tag seinen Wunden. Gadi Yarkoni, der heute Vorsitzender des Regionalrats Eshkol ist, verlor beide Beine. Eine Stunde später war der 50 Tage andauernde Krieg vorbei.

Am 23.8.2018 fand zum vierten Mal die jährliche Erinnerungszeremonie zu Ehren Zeviks statt. Die Rafschatzniks der verschiedenen Ansiedlungen im Umland von Gaza fuhren mit ihren Pick Ups und wehenden Israel Fahnen mit eingeschalteten Sirenen im Konvoi vor. Soldaten der israelischen Streitkräfte mischten sich unter knapp 200 Kibbuzniks am Friedhof. Die nächsten Hinterbliebenen hielten statt Reden eine Art Zwiesprache mit Zevik und erzählten von den jüngsten Entwicklungen in der Familie und im Kibbuz und im Land. Besonders Zeviks Vater sparte nicht mir Kritik an der Regierung.. Trotz seiner 80 Jahre gehört er zu den Freiwilligen, die Menschen aus Gaza, die eine Erlaubnis zur Behandlung in Israel haben von der Grenze ins Krankenhaus fährt. Im Anschluss an die Zeremonie auf dem Friedhof wurde zu Bier und Gesang geladen.

Gedenken an Zevik

Nach dem Gaza-Krieg 2014 schloss sich Adele der Bewegung für die Zukunft des westlichen Negev an, die von der Regierung fordert, dem Umland von Gaza Frieden und Sicherheit zu bringen. Adele will nicht länger hinnehmen, dass die Situation hier zwischen den einzelnen Militäroperationen aus den Augen und aus dem Sinn ist. Ihr ist es wichtig, viele Israelis und auch Nicht-Israelis dazu zu bringen, ihr Anliegen zu teilen, um so Druck auf die Politik zu machen. Ein langfristiges Abkommen ist möglich, sagt Adele und verweist auf die Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien. Israel ist stark und kann Zugeständnisse machen, erklärt sie. Und wenn sich die Hamas der Kooperation verweigert, müsse die Terrororganisation auf verschiedenen Wegen in die Knie gezwungen werden.

Wenn Adele hört, dass über Abkommen für ein Jahr verhandelt wird, wird sie wütend. Die Bewohner des westlichen Negev haben mehr verdient als ein Jahr oder zwei Jahre oder fünf Jahre Ruhe, sagt sie. Zumal zum Raketenterror und den Terrortunneln in den letzten Monaten noch die Rückkehrmärsche und der Feuerterror gekommen sind. Die Ausschreitungen jeden Freitag kann sie vom Kibbuz aus sowohl in nördlicher als auch in südlicher Richtung erkennen. Adele nennt die Grenzsicherung durch die Armee großartig. Nachdem am Anfang jeder Freitag an die Nerven gegangen ist und von Schreckensszenarien im Kopf begleitet war, hat die Spannung inzwischen etwas nachgelassen. Wobei manche Mütter immer noch Freitags ihre Kinder nehmen und für die Zeit der Proteste das Weite suchen. Man möchte sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sich irgendwann einmal Hunderttausende Palästinenser in Richtung Grenze bewegen, sagt Adele.

Was man von Adele nicht hört ist Generalisierung. Seit sie sich mit ihrer Aufklärungsarbeit in den sozialen Netzwerken einen Namen gemacht hat, ist sie in Kontakt mit mehreren Menschen aus Gaza gekommen, die ihr alle versichern, dass die Hamas von großen Teilen der Bevölkerung, die sie beherrscht abgelehnt wird. Die Mehrheit auf beiden Seiten will Frieden ist sich Adele sicher. Zum Beweis teilt sie den Kontakt zu einer Person im Gazastreifen mit mir. Und die Person bestätigt das von Adele Gesagte.

Um auf die Bedrohung durch die Feuer aufmerksam zu machen, führt Adele seit Juni eine Feuerkarte, in die sie alle Feuer, die ihr berichtet werden einträgt. Seit einiger Zeit beschränkt sich die Aufklärungsarbeit von Adele nicht mehr nur auf das Netz. Gemeinsam mit der Kassam Generation, einem Zusammenschluss junger Menschen aus dem Umland von Gaza, die seit ihrer Kindheit bzw. Jugend im Raketenhagel leben, hat die Bewegung für die Zukunft des westlichen Negev zwei lautstarke und weithin beachtete Demonstrationen in Tel Aviv organisiert, um den Tel Avivern das Leben im Süden zu verdeutlichen.