Omer

1967 als Israel im Sechs Tage Krieg sein Gebiet vervierfachen konnte und die Kontrolle über die Altstadt von Jerusalem, Ost-Jerusalem, die Westbank, den Gaza Streifen, die Sinai Halbinsel und die Golan Höhen erlangte, stand Omer Wiener kurz vor der Entlassung aus der Armee. Er kämpfte im Krieg in Samaria und schloss sich nach seiner Entlassung  einer Gruppe von Israelis an, die zur Befestigung der strategisch bedeutsamen Golanhöhen einen Kibbuz an der Waffenstillstandslinie zu Syrien nahe der syrischen Stadt Qunteira errichteten. Die israelische Armee habe nach dem Ende der Kampfhandlungen mit Lautsprecherwagen die geflüchteten Drusen aufgerufen in ihrer Häuser auf den Golanhöhen zurückzukehren, erzählt er. Eine Rückkehr der syrischen Araber hätten die Israelis dagegen nicht gewollt.

Freunde

Freunde

Tatsächlich hätte er zunächst gar nicht im Sinn gehabt, Mitbegründer des ersten Kibbuz auf dem Golan zu werden, verrät Omer an einem kalten Novemberabend vor dem Kamin seines Hauses. Er sei in der Annahme gekommen, es entstehe ein Naturschutzgebiet, in dem er mitarbeiten wollte.
Omer Wiener wurde 1946 in einem Kibbuz nahe Hadera geboren als Sohn von Einwanderern aus dem Sudetenland, die den Nazis noch rechtzeitig entkamen. Aufgewachsen ist er entsprechend im Kinderhaus der Kollektivsiedlung und auch sonst nach Maßgabe der sozialistischen Ideologie, die er selbst verinnerlichte. Seine Frau Hanna, ist als Tochter Wiener Einwanderer im damals größten Kibbuz Yagur aufgewachsen. Die älteste Tochter von Omer und Hanna war das erste israelische Kind, das auf den Golanhöhen geboren wurde und wuchs wie ihre Eltern im Kinderhaus auf.
Omer wurde Cowboy und blieb dies mit Unterbrechungen bis heute. Obwohl bereits im Pensionsalter arbeitet er jeden Tag mit Pferden und Rindern. Frei lebende Rinder, wie er betont. Wobei er ein paar Jahre lang eine andere Tätigkeit im Kibbuz begleitete. Er war Leiter einer von den Kibbuzniks gegründeten Firma die Spezialmotoren für schwere Militärfahrzeuge herstellt. Der Firma gelang es einen Motor für den Geschützturm des Merkava zu entwickeln, an dem die deutsche Firma AEG stets gescheitert war. Heute zählt das Unternehmen zu den weltweit führenden Herstellern für entsprechende Spezialmotoren. AEG wurde ihr Abnehmer.

 

merom golan

Merom Golan

In seiner Anfangszeit geriet der Kibbuz mehrfach unter syrisches Feuer, erzählt Omer am nächsten Morgen auf dem Gipfel des Berges Bental und wurde schließlich relokalisiert. Ein paar Hundert Meter hinter die Wand eines der vielen Vulkankegel auf dem Golan. Vom Bental Berg lässt sich das alles zeigen. Doch der Schutz war trügerisch und eine syrische Rakete forderte mehrere Todesopfer in der Kollektivsiedlung. Als der Yom Kippur Krieg ausbrach, kam es unweit von Merom Golan zu der bis dato größten Panzerschlacht seit WK II. Im Tal der Tränen, das vom Bental Berg in seiner ganzen Weite einsehbar ist. Syrien schickte 1400 Panzer und gepanzerte Militärfahrzeuge, um den im Sechs-Tage Krieg verlorenen Gebirgszug zurückerobern. Die Israelis konnten den Angriff trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit zurückschlagen und ihrerseits auf das 60 km entfernte Damaskus vorrücken. Der Berg Bental, wenige Meter von der Grenze zu Syrien gibt bei klarer Luft einerseits den Blick bis tief hinein nach Syrien und bis hinauf in den Libanon frei und auf der anderen Seite über die Golanhöhen hinweg zum See Genetsareth. An einem der klarsten Tage des Jahres zeigt Omer auf, warum Israel nicht Europa sei, wie er sagt.Er erklärt, angefangen von klar sichtbaren Berg Hermon die Grenze entlang zeigend, wo die Hisbollah Gebiete kontrolliert und wo die Rebellen. Anfang des Jahres habe man mit blossem Auge eine Al-Kaida Fahne wehen sehen können.  In seine Erzählungen mischt sich mehrfach das aus Syrien hallende Krachen von Mörsereinschlägen. Manchmal ist der Rauch zu erkennen, der über den Einschlagstellen aufsteigt. Während seiner Ausführungen kommen zwei UN-Beobachter um ihre Stellung auf dem Berg zu beziehen. Omer kann es sich bei ihrer Positionsbeziehung nicht verkneifen, den Kopf zu schütteln.

UNDOF

UNDOF

Der letzte Angriff auf das Kibbuz ereignete sich vor ca. eineinhalb Jahren, als sieben Raketen in seine Richtung geschossen wurden. Eine Vergeltung für den israelischen Angriff auf einen Hisbollah Konvoi. Oft explodieren Querschläger des Krieges auf israelischem Gebiet.

Dass die Europäische Union beginnt israelische Produkte zu kennzeichnen und so leichter für Boykott-Aufrufe erkennbar macht quittiert er mit einem weiteren Kopfschütteln und zeigt auf die Apfelbaumplantagen und Weinstockreihen, die dem Kibbuz gehören und deren Ertrag in Europa nun gesondert ausgewiesen werden muss.

An wen sollen wir die Golanhöhen nach Ansicht der BDS Bewegung abtreten, fragt er. Hisbollah? Assad? Iran? Al Kaida? IS?

1999 kam die Arbeiterpartei unter Ehud Barak zurück an die Macht und Arafat bekam 2000 in Camp David von Barak einen eigenen Staat mit 97% der Westbank und Ostjerusalem als Hauptstadt auf dem Silbertablett präsentiert. Parallel dazu wurde mit Syrien über eine Rückgabe des Golan verhandelt. Für Omer und seine Familie und alle anderen Familien hätte dies bedeutet, nach mehr als 30 Jahren den Kibbuz räumen und ihre Häuser an die Syrer abtreten zu müssen. Doch die Bewohner von Merom Golan, wo die Arbeiterpartei stets alle Stimmen abräumen konnte, lehnten sich nicht gegen die Verhandlungen, über deren Ergebnis es ein Referendum geben sollte, auf. Auch nicht, als es so aussah, dass die Gespräche mit den Syrern Früchte tragen würde. Für den Frieden, so versichert der Cowboy Omer, hätten sie den Kibbuz geräumt.

Omer und Ich

Omer und Ich

Die Europäer müssten begreifen, dass der Nahe Osten nicht Europa sei, erklärt er. Auf die Frage, wie es weitergehe, antwortet er, dass dies niemand wisse. Allerdings, so ist er sich sicher, würde es nach allem, was er in den Nachrichten sehe, nicht mehr lange dauern, bis die Europäer begreifen würden, dass nicht Israel das Problem sei. Das war genau zwei Tage vor Paris.

Text: Oliver Vrankovic