BDS vs. Zwei Staaten

Ortstermin: Elternheim Pinkhas Rosen Ramat Gan

Als die 10-jährige Gertrud Jakobsohn Anfang April 1933 von der Schule nach Hause kam, sah sie gepackte Koffer und ihre Familie zur Abreise drängen. Mitten im Schuljahr und dazu noch an dem Tag, an dem sie bei ihrer Freundin Lena zur Geburtstagsfeier eingeladen war.

Es war der Boykotttag, an dem auch das Warenhaus Schocken in Nürnberg angegriffen wurde nebst der Verleumdung über vergiftete Wurst. Ihr Vater, der in der 13. Niederlassung der Warenhauskette des jüdischen Kaufmanns Salman Schocken eine leitende Position begleitete, sah sich genötigt, mit seiner Familie die Villa nahe des Tiergartens in Nürnberg zu verlassen und ins entfernte Hamburg zu fliehen, wo die antisemitischen Auswüchse noch hinter denen in der Nazi Hochburg Nürnberg zurückstanden.
Nach zwei Jahren in Hamburg und zwei weiteren in Freiberg emmigrierte die Familie 1937 nach Palästina, wo sie in Tel Aviv statt in einer Villa in einer beengten Wohnung neu anfangen musste.

 

Tuvia und Gertrud © Miriam Tenenbom
Tuvia und Gertrud © Miriam Tenenbom

Gertrud Klimowski, geb. Jakobsohn, gehört zu den letzten Zeugen des Boykotttages der Nazis. Ihren Lebensabend verbringt die Nichte von Salman Schocken in einem Elternheim der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft in Ramat Gan. Bis vor zwei Jahren war sie überzeugt davon, dass sich die Deutschen geändert hätten. Als Tuvia Tenenbom im September 2013 im Heim einen Vortrag über den Antisemitismus in Deutschland hielt, wollte sie ihm nicht glauben. Als sich im Sommer 2014 der Judenhass offen auf den Straßen Europas zeigte, und sie israelfeindliche Artikel in den großen deutschen Magazinen zu Gesicht bekam, die im Heim ausliegen, musste sie sich eingestehen, dass sie sich Illusionen gemacht habe. Ende 2015 erinnern sie die Kennzeichnungsrichtlinien der EU an den Boykotttag.

Produktkennzeichnung als Etappenziel

Als „technische Maßnahmen“, die den europäischen Verbraucher schützen sollen wird die Kennzeichnungspflicht für israelische Waren ihrerseits gekennzeichnet. Bei weltweit über 200 umstrittenen Gebieten betrifft dieser “Verbraucherschutz” ausgerechnet die Produkte des einzigen jüdischen Staates dieser Welt. Die Kennzeichnungsrichtlinien-Initiative zum Schutz der europäischen Verbraucher kommt nicht, wie man vermuten sollte, von europäischen Verbraucherschutz-Organisationen, sondern von Organisationen aus der BDS (Boykott – Desinvestition – Sanktionen) Bewegung. Die Produktkennzeichnung resultiert aus dem Druck von BDS, einer Bewegung, deren Organisationen diese Kennzeichnung als Zwischenschritt für einen umfassenden Boykott ansehen. BDS ist vorgeblich eine weltweite zivilgesellschaftliche Bewegung, die für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte eintritt. Doch wenn dem so ist, so fragt Henri-Bernard Levy, “warum nimmt sie dann das einzige Land in der Region ins Visier, das auf diesen Werten gründet und ihnen, in guten wie in schlechten Tagen und trotz eines fast 70-jährigen Kriegszustands mit seinen Nachbarn, im Großen und Ganzen immer treu geblieben ist?”

Eines der drei ausformulierten Ziele der Bewegung ist “3. Respecting, protecting and promoting the rights of Palestinian refugees to return to their homes and properties as stipulated in UN resolution 194.” Eine Forderung, die in die Praxis umgesetzt, eine demographische Aushöhlung des jüdischen Staates und dessen Ende bedeuten würde.

Obwohl Kennzeichnungsrichtlinien weit hinter dem Anspruch der Abschaffung Israels zurückbleiben, sind sie ein Schritt in diese Richtung. Die EU macht sich zum Handlanger von Antizionisten, denen es nicht um eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung geht. Erklärungen von Omar Barghouti und Ali Abunimah, beides führende Köpfe der BDS Bewegung machen dies mehr als deutlich.

Bei einer Veranstaltung mit Ben-Dror Yemini und Tuvia Tenenbom über die Delegitimation Israels sagte der israelische Journalist Ben-Dror Yemini, das er selbstverständlich zu den Menschen gehöre, die sich Frieden wünschten. Er sehe auch die absolute Notwendigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung, da die Beibehaltung des Status quo zu einem bi-nationalen Staat führe, der Israel als jüdischen und demokratischen Staat gefährdet. Er sehe aber nicht, so Dror-Yemini, wie die Zwei-Staaten-Lösung realisierbar sei.
Die israelische Zwickmühle besteht darin, dass der status quo Israel von innen und eine Zwei-Staaten-Lösung Israel von außen zerstören wird.

Ortstermin: Knesset

Knesset
Knesset

Vor 10 Jahren räumte Ariel Sharon den Küstenstreifen und hinterlies ihn den Palästinensern judenrein. Frieden gab es keinen für das Land.

Er halte eine Zwei-Staaten-Lösung trotzdem für richtig, sagt Yoel Hason, Abgeordneter der Knesset in seinem Arbeitszimmer im Parlamentsgebäude. Hason folgte Sharon aus dem Likud zu Kadima und dann Livni zu HaTnua. Heute sitzt er für das Parteienbündnis Zionistisches Lager auf der Oppositionsbank. Hason glaubt, dass es mutigeren politischen Führern auf beiden Seiten gelingen würde zu einer Friedensvereinbarung zu kommen. Die Produktkennzeichnung hält er indes für einen großen Fehler der EU.
Die Produktkennzeichnung stehe im Interesse derer, die gegen Frieden und Einigung seien. Der Einseitige Druck auf Israel würde die Weigerung der Palästinenser zu verhandeln weiter bestärken. Und die Israelis, so warnt es, würden die Kennzeichnung von Produkten aus den besetzten Gebieten als Israel-Boykott wahrnehmen und sich in der Ansicht bestärkt fühlen, dass alle Welt gegen sie sei. So sei kein Friede zu machen.

Des Weiteren, so gibt er zu bedenken, seien die ersten Geschädigten einer Politik gegen die Produkte in den besetzten Gebieten die Palästinenser. Fährt man aus Jerusalem heraus, wird schnell klar, was er meint.

Ortstermin: Westbank

Ma'ale Adumim
Ma’ale Adumim

In den Siedlungen und in den industriellen Zonen in den Gebieten, die seit 1967 unter israelischer Kontrolle stehen, sind fast 30.000 Palästinenser beschäftigt. Sie arbeiten dort mit Juden zusammen und haben ein Auskommen, das weit über dem palästinensischen Durchschnitt liegt. Die Siedlungen sind eine wichtige Stütze der palästinensischen Wirtschaft.
Bei “Soda Stream” einem Hersteller für Wassersprudelgeräte in der Siedlung Maale Adumim im Westjordanland waren 500 Palästinenser angestellt, mit vollen Arbeitnehmerrechten und Sozialleistungen. Sie waren ihren jüdischen Kollegen in allem gleichgestellt. “Soda Stream” zog Anfang 2013 einige Aufmerksamkeit auf sich, als Scarlette Johannson über ihr Werbeengagement für die Firma Ärger mit Oxfam bekam. Oxfam ist eine Organisation, die sich der Bekämpfung von Armut verschrieben hat und deren Botschafterin Johannson war. Die Hilfsorganisation, die bei der Finanzierung von BDS hilft, geriet in Rage ob der Tätigkeit von Johannson für “Soda Stream”. Als die Firma ihre Produktionsstätte aus den besetzten Gebieten ins israelische Kernland verlagerte, wurden die Palästinenser arbeitslos.
Ein Besuch in Ma’ale Adumim zeigt eine Pendlersiedlung, deren Verschlafenheit die Dämonisierung der Siedlungen maximal karikiert. Im Industriepark Mishor Adumim geht es dafür um so betriebsamer zu. In den 300 Firmen und Geschäften arbeiten Israelis und Palästinenser, deren Verdienst mehr als doppelt so hoch ist, wie das Durchschnittseinkommen in den Palästinensergebieten. Neben der Soda Stream Affäre erlangte Mishor Adumim auch in Folge eines Anschlages auf den Supermarkt Rami Levy Aufmerksamkeit. Ramy Levy beschäftigt in seinem XXL Supermarkt in Mishor Adumim israelische und palästinensische Arbeiter. Viele seiner Kunden sind, zu geäußerten Unmut der palästinensischen Autonomiebehörde, Palästinenser. Im Dezember 2014 verübte ein Palästinenser ein Messerattentat auf jüdische Kunden. Gewalt ist gleichwohl eine absolute Ausnahme in den israelischen Industrieparks im Westjordanland. Tatsächlich nimmt man sie bei einem Besuch als Musterbeispiele der Koexistenz wahr. Eine Fahrt quer durch das Westjordanland zeigt dagegen unübersehbar auf, dass es mit der palästinensischen Wirtschaft nicht zum Besten steht. Beim Stopp an einer Art Einkaufszentrum im Jordantal, deren Läden im Besitz von Israelis sind, und die Einkäufer v.a. Siedler sind, verrät der palästinensische Schawarma Verkäufer, der seinen Namen nicht nennen möchte, dass er von BDS rein gar nichts hält. Jeder Palästinenser, der eine ordentliche Arbeit habe, versorge eine ganze Reihe weiterer Familienmitglieder.

jordantal
Jordantal

Ortstermin: Grenze zu Syrien

1967 als Israel im Sechs Tage Krieg sein Gebiet vervierfachen konnte und die Kontrolle über die Altstadt von Jerusalem, Ost-Jerusalem, die Westbank, den Gaza Streifen, die Sinai Halbinsel und die Golan Höhen erlangte, stand Omer Wiener kurz vor der Entlassung aus der Armee. Er kämpfte im Krieg in Samaria und schloss sich nach seiner Entlassung  einer Gruppe von Israelis an, die zur Befestigung der strategisch bedeutsamen Golanhöhen einen Kibbuz an der Waffenstillstandslinie zu Syrien nahe der syrischen Stadt Qunteira errichteten. Die israelische Armee habe nach dem Ende der Kampfhandlungen mit Lautsprecherwagen die geflüchteten Drusen aufgerufen in ihrer Häuser auf den Golanhöhen zurückzukehren, erzählt er. Eine Rückkehr der syrischen Araber hätten die Israelis dagegen nicht gewollt. Mit Palästinensern hat der Golan, der mit im Fokus der BDS Bewegung steht gar nichts zu tun.

Freunde
Freunde

Tatsächlich hätte er zunächst gar nicht im Sinn gehabt, Mitbegründer des ersten Kibbuz auf dem Golan zu werden, verrät Omer an einem kalten Novemberabend vor dem Kamin seines Hauses. Er sei in der Annahme gekommen, es entstehe ein Naturschutzgebiet, in dem er mitarbeiten wollte.
Omer Wiener wurde 1946 in einem Kibbuz nahe Hadera geboren als Sohn von Einwanderern aus dem Sudetenland, die den Nazis noch rechtzeitig entkamen. Aufgewachsen ist er entsprechend im Kinderhaus der Kollektivsiedlung und auch sonst nach Maßgabe der sozialistischen Ideologie, die er selbst verinnerlichte. Seine Frau Hanna, ist als Tochter Wiener Einwanderer im damals größten Kibbuz Yagur aufgewachsen. Die älteste Tochter von Omer und Hanna war das erste israelische Kind, das auf den Golanhöhen geboren wurde und wuchs wie ihre Eltern im Kinderhaus auf.
Omer wurde Cowboy und blieb dies mit Unterbrechungen bis heute. Obwohl bereits im Pensionsalter arbeitet er jeden Tag mit Pferden und Rindern. Frei lebende Rinder, wie er betont. Wobei er ein paar Jahre lang eine andere Tätigkeit im Kibbuz begleitete. Er war Leiter einer von den Kibbuzniks gegründeten Firma die Spezialmotoren für schwere Militärfahrzeuge herstellt. Der Firma gelang es einen Motor für den Geschützturm des Merkava zu entwickeln, an dem die deutsche Firma AEG stets gescheitert war. Heute zählt das Unternehmen zu den weltweit führenden Herstellern für entsprechende Spezialmotoren. AEG wurde ihr Abnehmer.

 

merom golan
Merom Golan

In seiner Anfangszeit geriet der Kibbuz mehrfach unter syrisches Feuer, erzählt Omer am nächsten Morgen auf dem Gipfel des Berges Bental und wurde schließlich relokalisiert. Ein paar Hundert Meter hinter die Wand eines der vielen Vulkankegel auf dem Golan. Vom Bental Berg lässt sich das alles zeigen. Doch der Schutz war trügerisch und eine syrische Rakete forderte mehrere Todesopfer in der Kollektivsiedlung. Als der Yom Kippur Krieg ausbrach, kam es unweit von Merom Golan zu der bis dato größten Panzerschlacht seit WK II. Im Tal der Tränen, das vom Bental Berg in seiner ganzen Weite einsehbar ist. Syrien schickte 1400 Panzer und gepanzerte Militärfahrzeuge, um den im Sechs-Tage Krieg verlorenen Gebirgszug zurückerobern. Die Israelis konnten den Angriff trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit zurückschlagen und ihrerseits auf das 60 km entfernte Damaskus vorrücken. Der Berg Bental, wenige Meter von der Grenze zu Syrien gibt bei klarer Luft einerseits den Blick bis tief hinein nach Syrien und bis hinauf in den Libanon frei und auf der anderen Seite über die Golanhöhen hinweg zum See Genetsareth. An einem der klarsten Tage des Jahres zeigt Omer auf, warum Israel nicht Europa sei, wie er sagt.Er erklärt, angefangen von klar sichtbaren Berg Hermon die Grenze entlang zeigend, wo die Hisbollah Gebiete kontrolliert und wo die Rebellen. Anfang des Jahres habe man mit blossem Auge eine Al-Kaida Fahne wehen sehen können.  In seine Erzählungen mischt sich mehrfach das aus Syrien hallende Krachen von Mörsereinschlägen. Manchmal ist der Rauch zu erkennen, der über den Einschlagstellen aufsteigt. Während seiner Ausführungen kommen zwei UN-Beobachter um ihre Stellung auf dem Berg zu beziehen. Omer kann es sich bei ihrer Positionsbeziehung nicht verkneifen, den Kopf zu schütteln.

UNDOF
UNDOF

Der letzte Angriff auf das Kibbuz ereignete sich vor ca. eineinhalb Jahren, als sieben Raketen in seine Richtung geschossen wurden. Eine Vergeltung für den israelischen Angriff auf einen Hisbollah Konvoi. Oft explodieren Querschläger des Krieges auf israelischem Gebiet.

Dass die Europäische Union beginnt israelische Produkte zu kennzeichnen und so leichter für Boykott-Aufrufe erkennbar macht quittiert er mit einem weiteren Kopfschütteln und zeigt auf die Apfelbaumplantagen und Weinstockreihen, die dem Kibbuz gehören und deren Ertrag in Europa nun gesondert ausgewiesen werden muss.

An wen sollen wir die Golanhöhen nach Ansicht der BDS Bewegung abtreten, fragt er. Hisbollah? Assad? Iran? Al Kaida? IS?

1999 kam die Arbeiterpartei unter Ehud Barak zurück an die Macht und Arafat bekam 2000 in Camp David von Barak einen eigenen Staat mit 97% der Westbank und Ostjerusalem als Hauptstadt auf dem Silbertablett präsentiert. Parallel dazu wurde mit Syrien über eine Rückgabe des Golan verhandelt. Für Omer und seine Familie und alle anderen Familien hätte dies bedeutet, nach mehr als 30 Jahren den Kibbuz räumen und ihre Häuser an die Syrer abtreten zu müssen. Doch die Bewohner von Merom Golan, wo die Arbeiterpartei stets alle Stimmen abräumen konnte, lehnten sich nicht gegen die Verhandlungen, über deren Ergebnis es ein Referendum geben sollte, auf. Auch nicht, als es so aussah, dass die Gespräche mit den Syrern Früchte tragen würde. Für den Frieden, so versichert der Cowboy Omer, hätten sie den Kibbuz geräumt.

Omer und Ich
Omer und Ich

Die Europäer müssten begreifen, dass der Nahe Osten nicht Europa sei, erklärt er. Auf die Frage, wie es weitergehe, antwortet er, dass dies niemand wisse. Allerdings, so ist er sich sicher, würde es nach allem, was er in den Nachrichten sehe, nicht mehr lange dauern, bis die Europäer begreifen würden, dass nicht Israel das Problem sei. Das war genau zwei Tage vor Paris.

Text: Oliver Vrankovic