Die letzten Zeugen

„Jeder der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden“ (Eli Wiesel)

Eli Roth aus Ungarn ist einer der Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Er gehört zu einer Seniorengruppe, die sich wöchentlich im Kulturzentrum der Histadruth in Givatayim trifft. Als die Histadruth Givatayim Besuch einer deutschen Delegation bekam, erzählte Eli Roth von seinem Leiden während des Holocaust. Bevor er zu erzählen anfing lies er durch  den Übersetzer fragen, ob seine Zuhörer wüssten, dass die Shoa tatsächlich stattgefunden habe. Er stellte die Frage im vollen Ernst und vor dem Hintergrund seiner Überzeugung, dass mehr und mehr Menschen den Holocaust in Frage stellen.

Der erste Eindruck von der Hölle, die er durchmachen sollte, bekam er in einer Ziegelei, in der die Juden zusammengetrieben wurden und wo ein Jude gezwungen wurde, auf einen Haufen glühender Kohlen zu steigen und von dort ohne Schuhe herunter. Er starb an seinen Wunden.

Zu den traumatischsten Erlebnissen gehört für Eli Roth der Transport nach Auschwitz. Drei Tage seien sie in Viehwaggons eingepfercht gewesen, mit vier Eimern in den vier Ecken des Waggons, in die die Notdurft verrichtet werden musste. Man müsse sich die erniedrigten Mütter vorstellen, sagt Eli, die bis dato nicht mal ihre Knie vor ihren Kindern entblöst hätten und nun gezwungen gewesen seinen, vor aller Augen in einen Eimer zu machen.
Weitere traumatische Erinnerungen sind die Selektion an der Judenrampe und die Prozedur der Enthaarung und Desinfektion. Die vielen Wunden, die bei der Rasur gerissen wurden, haben bei der Desinfektion höllisch gebrannt. Im Lager dann die Tortur der Tätowierung und der Kampf ums Überleben als Nummer.
Von Auschwitz sind Eli Weiss das stundenlange Stehen bei den Zählapellen in furchtbarer Erinnerung, die unmenschlich harte Arbeit, die nächtliche Enge auf den Pritschen und die ständigen Selektionen.  Am meisten aber der Hunger und die totale Fixierung auf die Lebensmittelrationen. Und die damit einhergehende Entmenschlichung. Ein geklautes Stück Brot habe in einer Nacht zu einer Schlägerei unter den ausgemergelten Häftlingen geführt und diese zur Züchtigung durch die Lagerwärter. Im Lager hätten sie ihr Menschsein verloren, erzählt Eli. Junge Burschen hätten die Absätze in den Teekesseln ausgekratzt, um etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Beim Marsch zur Arbeit sei es hier und da gelungen an etwas Futter von Kühen zu gelangen.
Die Erzählungen von Eli geben einen Eindruck vom Grauen in Auschwitz wieder.
Doch bald schon, so weiß er, würden keinen Zeitzeugen mehr am Leben sein, um der Holocaustleugnung die eigene Geschichte entgegenzuhalten. Deshalb ist es ihm ein Anliegen, seine Geschichte möglichst vielen Leuten weiterzugeben.

Miri Schönberger, geb. Margit Sauer ist in der ungarischen Stadt Paks geboren und aufgewachsen. Mit dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn wurde sie mit ihrer Familie und allen Bewohnern der Stadt in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Nur ganz wenige Bewohner der Stadt überlebten. In Auschwitz angekommen wurde ihre blinde Großmutter zu einem Krankenwagen geschickt, dass sie zu einer Krankenstation fahren sollte. Ihre Mutter bestand darauf ihre Mutter zu begleiten. Miri und ihre Zwillingsschwester Sarah und ihr Bruder sahen die Mutter und Großmutter zum letzten Mal. Zuvor hatte ein SS Mann ihre Mutter gefragt, ob Miri und Sarah Zwillinge seien. Da ihre Mutter dies bejahte wurden sie zur Seite gestellt und mussten so der Selektion zuschauen, die Mengele durchführte. Auf der einen Seite diejenigen die zur Zwangsarbeit geschickt wurden und auf der anderen Seite die Alten und die Kinder, die ins Gas geschickt wurden, wie sie nur wenig später erfuhren. Miri und Sarah wurden tätowiert und kamen in den Zwillingsblock, wo Mengele seine Zwillingsexperimente durchführte. Sie erfuhren dort was es mit den gewaltigen Verbrennungen auf sich hatte. Drei Mal in der Woche sei sie stundenlang vermessen worden und drei mal in der Woche habe man ihr Blut abgenommen und manchmal Injektionen verpasst. Als besonders hart sind ihr zudem die oft stundenlangen Zählappelle in traumatischer Erinnerung geblieben. Doktor Mengele könne sie ihn nicht nennen, sagt Miri, nur Drecktor Mengele. Sie und ihre Schwestern gehören zur bekannten Gruppe der “Mengele Zwillinge”. Sie hätte nie verstanden, was er gewollt hätte und was ihn angetrieben hätte, sagt sie. Ungefähr 1500 Zwillingspärchen wurden von Mengele für seine tödlichen Experimente eingesetzt. Es wird geschätzt, dass weniger als 200 Einzelpersonen überlebten. Wenn ein Zwilling starb, wurde der andere mit einer Injektion ins Herz getötet, um eine vergleichende Autopsie vorzunehmen. 1945 wurden sie in erbärmlichem körperlichen Zustand von den Russen befreit. Es sei ein Samstag gewesen, erinnert sich Miri noch ganz genau und eine alte Frau, die kaum gehen konnte, hätte angefangen um die russischen Soldaten zu tanzen. Doch ihre Befreier brachten ihnen zunächst keine Freiheit, sondern drangsalierten sie ihrerseits weiter. Die Russen behandelten sie wie Kriegsgefangene und trieben sie erst nach Kattowitz, dann nach Czernowitz und von da nach Slutsk. Erst ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelangten Miri und ihre Schwester Sarah zurück nach Ungarn. In Budapest fanden sie heraus, dass auch ihr Bruder Jehuda den Holocaust überlebt hatte. Ihre Heimatstadt fanden sie ausgestorben und in ihrem Haus wohnten Ungarn, was sie zu Obdachlosen machte.

Miri
© Florian Krauss

Drei Tage nachdem ihr Vater interniert wurde, geriet Haya Weissmann aus Kaunas mit ihrer Mutter in die alte Festung Kaunas, in der die Juden der Stadt zusammengetrieben wurden. Ihren Vater erkannte sie kaum noch. Er war rasiert und zugerichtet und hatte nichts mehr mit dem stolzen Familienoberhaupt gemein, als das sie ihn kannte. Eines Tages wurde er abgeholt und erschossen. Eines anderen Tages wurde ihre Mutter deportiert. Haya Weissmann kann viele unvorstellbar Grausame Geschichten ihrer Internierung erzählen. So wurde sie Zeugin einer Geburt. Die Wärter seien gekommen hätten der Mutter gratuliert und gleichzeitig ihr Beileid darüber bekundet, dass die Geburt zur falschen Zeit erfolgte. Und klatschten das Neugeborene an die Wand. Ein anderes so erzählt sie, hätten sie in heißem Wasser umgebracht.
Haya Weissmann wurde vom KZ Kaunas ins KZ Flossenbürg deportiert. Mit Grauen erinnert sie sich an den mannshohen Leichenberg neben dem Lagertor.

Bei einer Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft erzählte Amos Hausner, der Sohn von Gideon Hausner, dem Hauptankläger im Eichmann Prozess, aus einer persönlichen Sicht vom Leben und Wirken seines Vaters. Er hat die Probleme des Anklägers Gideon Hausner geschildert, die Überlebenden des Holocaust in den Zeugenstand zu bewegen. Die persönliche Aufarbeitung des Holocaust fiel vielen Überlebenden sehr schwer. Viele waren sich sicher, dass sie nicht aussagen könnten. Zu gross war der Horror, den sie tief in sich begraben hatten, um ihn für die Anklage aufzubearbeiten.

Der Eichmann Prozess habe Israel geprägt, sagt mir Talia, eine Sozialwissenschaftlerin aus Tel Aviv. Die Holocaustberlebenden erfuhren in Israel eine subtile Form der Abwertung, da ihre Erfahrungen als Opfer nicht zum Selbstverständnis der Pioniere passte. Erst der Prozess brachte die Mauer aus Schmerz und Scham zum Einsturz und integrierte die Überlebenden der Shoa in den jüdischen Staat.

Ein inzwischen verstorbener Bewohner des Heims, Moshe Givon, hatte beim Eichmann Prozess ausgesagt. Als er mir das erste Mal seine Häftlingsnummer auf seinem Arm zeigte, erklärte er, dass diese sich nie abwaschen ließe. Als er nach Israel gekommen sei, habe er sich lange geschämt für die Nummer. Auch im Hochsommer sei er nur langarmig aus dem Haus gegangen.

Am Tag nach Pessach 1944 wurden die Juden aus Borșa  in der Synagoge der Stadt eingepfercht. Es sei unerträglich eng gewesen, erzählt Moshe. Wer einen Platz zum sitzen fand,  gehörte zu den absolut begünstigten. An Schlaf sei nicht zu denken gewesen. In der Synagoge seien sie einige Tage festgehalten worden. Jeder habe sich gefragt, welches Schicksal ihn erwarte. Die Männer hätten pausenlos gebetet. Nach einigen Tagen sind die Juden aus Borșa  ins Ghetto Visho gezwungen worden. Dort wurden Männer gezwungen, sich zu rasieren. Es war das erste Mal, dass Moshe seien Vater weinen sah. Den stolzen Mann, der in der Armee Österreich-Ungarns gedient hatte.

Das Ghetto sei vergrößert und verkleinert worden und schließlich kam die Ankündigung das Ghetto würde geräumt werden. Moshe war mit seinen Eltern und Schwestern und seiner 6jährigen Cousine im ersten Transport. Am Bahnhof stiegen sie in die Viehwaggons des Zuges.  Seinen Eltern fiel das Einsteigen schwer. Die Waggons waren überfüllt. Und der Zug bewegte sich nicht. Zwei Tage lang stand der Zug. Ein weiteres Bild, das Moshe nie wieder aus dem Kopf ging. Und als sie dann nach Auschwitz kamen stand der Zug erneut für lange Zeit. In der Zeit begriff Moshe den Terror. Je länger sie in den Viehwaggons zusammengedrängt waren, desto sehnsüchtiger warteten sie darauf, diese endlich verlassen zu dürfen. Egal wohin.
Als sie ausstiegen, nahm Moshe seine kleine Cousine an die Hand. Bei der Selektion sah er seinen Vater und seine Mutter und seine Schwestern das letzte Mal. Auch seine kleine Cousine.

Er wurde mit anderen Arbeitstauglichen aufgefordert sich auszuziehen. Einer rannte davon und wurde erschossen. Nachdem sie sich ausgezogen hatten, wurden ihnen alle Haare entfernt. Dann bekamen sie blau-weiss gestreifte Häftlingskleidung. Dann wurden sie in eine Sammelstelle gebracht, wo sie die Nacht ausharren mussten ohne zu schlafen. Am Morgen wurden sie nach Birkenau gebracht.

Inmitten des Mordens und Sterbens in Auschwitz sah Moshe gelangweilte Wächter. Er sah Soldaten gähnen während er sich fragte, welcher Tod auf ihn warte.
Nach einigen Tagen wurden sie in strömendem Regen nach Auschwitz überführt. „Arbeit macht frei“ stand auf dem Torbogen, durch den sie das Lager betraten.
Er kam in Block 6A. In der Nacht wurde er tätowiert. Es hätte sehr weh getan, erinnert er sich.  Das er zum ersten Mal nach Tagen ein Stück Brot bekam. In Auschwitz sei er fortan nur noch mit der Nummer gerufen worden.

Nach drei Tagen wurde seine Nummer mit 150 anderen Nummern zum Appell gerufen. Nachdem sie zwei Stunden regungslos standen, wurden sie mit einem Lastwagen ins Lager Lagisza gebracht.
Dort folgten etwas mehr als zwei Monate harter Arbeit, Auszehrung und harter Schläge. Appelle. Kapos. Mitgefangene, die verschwanden.
Und regelmässig seien die Arbeitsunfähigen ausselektiert worden. Als er selbst so abgemagert gewesen sei, dass er nicht mehr sitzen konnte, sei auch er für die Gaskammern aussortiert worden. Nackt hätte er mit einer Gruppe weiterer Ausselektierter auf seine Deportation gewartet. Doch der Lastwagen, der sie holen sollte, kam nicht. Die der Gaskammer geweihten wurden zurückbeordert. Der nächste Tag war Sonntag. Er blieb am Leben.

Eine von mehreren Ereignisse in Lagisza, an die er sich gut erinnerte war ein russischer Luftangriff. Ein Metallstück einer Bombe fiel in das Lager. Ein Gefangener hob es auf und küsste es und wurde dafür erschossen. Ein anderer wurde für ein Vergehen am Lagereingang für Alle sichtbar aufgehängt und hängen gelassen.

Die Zwangsarbeit, die er zu verrichten hatte, bestand im Aufbau einer Reifenfabrik. Das Essen bestand aus einem Stück Brot mit etwas Margarine, etwas Marmelade am Morgen und wässriger Suppe am Abend.Moshe bestand nur noch aus Haut und Knochen. Er wog nur noch etwas über 30 Kilo. Täglich starben Mitgefangene an Hunger oder an Schlägen.

Moshe in Israel

Tali Givon wünscht sich, dass möglichst viele Menschen die Geschichte ihres Vaters Moshe hören. Als sie ihm vor einigen Jahren eröffnete, dass sie nach Berlin gehen wolle, sei er strikt dagegen gewesen, erzählt Tali. Um ihn zu überzeugen, sagte sie ihm, dass er es als seinen Sieg über die Nazis ansehen könne, wenn seine Tochter mit dem Davidstern um den Hals, durch Berlin laufe. Für jeden sichtbar.

Natürlich sei die nachfolgende Generation von der Frage der Mittäterschaft ausgenommen, sagt sie. Doch sehe sie Deutschland – als Nachfolgestaat des Dritten Reichs – in der besonderen Verantwortung, Antisemitismus nie wieder den Weg zu bereiten. Nach allem, was passiert sei, müsse Deutschland an der Seite Israels stehen. So wie ihr Vater gestorben sei, so merkt sie an, würden bald auch die letzten noch verbliebenen Zeugen sterben. Es liege in der Verantwortung der Deutschen, die Geschichte nicht zu verdrängen und die Lehren daraus nicht zu vergessen. Diesbezüglich ist sie aber äußerst pessimistisch. Als sie vor wenigen Monaten erneut in Berlin war, hielt sie die Kette mit dem Davidstern unter ihrer Bluse versteckt.

Yehuda Maimon stammt aus Krakau und bezog mit seiner Familie, wie viele andere Familien auch, ein Zimmer in einer 3-Zimmer-Wohnung im Ghetto.
Betätigungsmöglichkeiten und die Bewegungsfreiheit der Bewohner des Ghettos wurden immer weiter eingeschränkt. Es sei ein perfide ausgeklügelter Psychoterror gewesen, erinnert sich Yehuda. Einerseits sei die Not der Juden immer weiter verschärft worden, andererseits wurde ihnen aber immer ein kleiner Hoffnungschimmer gelassen.
Die Bewohner der Ghettos konnten sich nicht vorstellen, wie weit die Grausamkeit der Nazis gehen würde. Dann erreichten erste Nachrichten vom Massenmord an den Juden die Bewohner des Ghettos. Eine Botin des HaShomer HaTzair aus Wilna machte im Ghetto Krakau die Massenerschießungen in Ponar bekannt. Die älteren Bewohner des Ghettos hätten die Berichte erst nicht geglaubt. Krakau, so sagt er, sei Teil des Österreichisch-Ungarischen Reiches gewesen, und wie seine Eltern, hätten viele Juden der Stadt perfekt Deutsch gesprochen und die deutsche Kultur geliebt. Sie hätten schlicht nicht glauben können, dass die Deutschen, diese Kulturnation, die so viele Schriftsteller, Philosophen und Komponisten hervorgebracht hatte, fähig sei, einen Massenmord an den Juden zu begehen.
Yehuda und andere junge Zionisten verstanden dagegen, dass sie wie “Lämmer zur Schlachtbank” geführt würden, wenn sie nicht anfingen, sich zu wehren. Weil sie nicht   sterben wollten, ohne sich widersetzt zu haben, gründeten Yehuda und andere Mitglieder der religiös-zionistischen Jugendbewegung Bnei Akiba die erste Widerstandsbewegung auf polnischem Boden. Zum gewaltsamen Widerstand entschlossene zionistische Jugendbewegungen schlossen sich an.

“Der Kämpfende Pionier” griff nach Möglichkeiten die deutsche Infrastruktur an. Yehuda verübte einen Überfall auf einen deutschen Versorgungszug, der Lebensmittel und Kleidung an die Ostfront bringen sollte.
Im Oktober 1942 wurde Yehuda mit seiner schwierigsten Mission betraut. Als eine Selektion stattfand, sollte er zurück ins Ghetto, um die dort verbliebenen Kameraden vor der Vernichtungsaussiedlung zu retten. „Poldek hielt seine Leute zusammen und führte sie von einem Keller zum nächsten. Aus der selbst auferlegten Quarantäne flüchtend“ schrieb eine seiner Mitstreiterinnen in ihr Tagebuch.7000 Juden aus dem Ghetto wurden bei der Oktoberaktion deportiert. Unter ihnen der Vater von Yehuda, Meir Wassermann.
Am 22. Dezember rüsteten sie sich für ihre größte Aktion. Ein koordinierter Angriff auf Treffpunkte der deutschen Besatzer. Zwei Tage vor Weihnachten konnten die Widerstandskämpfer sicher sein, dass viele Generäle und Gestapo Mitglieder ihr Vergnügen suchen und die Orte, die sie dafür aufsuchten gut gefüllt sein würden. Ihre Waffen waren v.a. Molotowcocktails, bei deren Herstellung die Widerstandskämpfer von seinem früheren Physiklehrer unterwiesen wurden.
„Unser Ziel war nicht, die Deutschen zu besiegen. Es ging darum zu zeigen, dass wir unsere Ehre bewahren. Sie mögen uns umbringen. Aber mit der Waffe in der Hand […]. Ich war 18, da hat man Mut. Ich war in einer guten Gruppe. Wir hatten großartige Befehlshaber, die uns Kampfgeist eingeimpft haben. Ich war Pionier, der davon geträumt hat, nach Eretz Israel auszuwandern. Ein Idealist […] in einer Gruppe von Idealisten. Diejenigen, die uns anleiteten und führten waren sehr charismatisch. Da möchtest du etwas tun. Da bist du vom richtigen Weg überzeugt […]. Ich wusste, dass dies das Ende ist. Aber in einer kämpfenden Gruppe zu sein, hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Wenigstens wusste ich, dass ich nicht einfach so sterbe.“

 © Florian Krauss
© Florian Krauss

Bei einem geplanten Raub wurde er im März 1943 verraten, verhaftet und in eines der berüchtigtsten Gefängnisse der SS gesteckt. Nach einer Woche Verhör kam er in den Todestrakt. Von dort aber kam er als politischer Häftling per Gerichtsbeschluss mit einer Gruppe von 7 Männern und 3 Frauen nach Auschwitz.
In Auschwitz, so erzählt er, sei es im Grunde nicht möglich gewesen, mehr als vier oder fünf Monate zu überleben. Die Zwangsarbeit hätte alle Kräfte aufgezehrt und ein Stück Brot, ein Nichts an Margarine und verwässerte Suppe hätten den Substanzverlust nicht ausgleichen können. Die nicht mehr Arbeitsfähigen seien regelmäßig ausselektiert und in die Krematorien geschickt worden. Die Selektion erfolgte anhand einer Inspektion der nackten Körper.
Yehuda selbst kam nach einem Monat Gefängnis bereits geschwächt in Auschwitz an. Nach wenigen Wochen Zwangsarbeit wurde er krank.
Im Krankenhaus, das es in Auschwitz gab, durfte ein Patient nicht länger als 14 Tage sein. Wer nach zwei Wochen nicht gesund war, wurde ins Krematorium geschickt. Yehuda erkrankte schwer und hatte am 13. Tag 40 Grad Fieber. Er sollte am nächsten Tag in den Tod geschickt werden. Vor seinem Tod wollte er unbedingt noch die Geschichte vom jüdischen Widerstand in Krakau weitergeben. Er erzählte sie einem Pfleger, von dem er nicht wusste, aus welchem Grund er in Auschwitz war, da die Pfleger und Schwestern nicht gekennzeichnet waren.
Es stellte sich heraus, dass es ein Jude war, 10 Jahre älter als Yehuda und Apotheker, weswegen er als Pfleger angestellt war. Es stellte sich weiter heraus, dass er ebenfalls Mitglied von Akiba war und dass er zum Untergrund in Auschwitz gehörte. Nachdem sich der Pfleger an seinen Vorgesetzten aus dem Untergrund gewendet hatte, wurde Yehuda verlegt und als Neuzugang ausgewiesen. Er wurde für den Untergrund rekrutiert. Es sei eine kommunistische Widerstandsbewegung gewesen, erzählt er. Er habe darauf bestanden, als Zionist aufgenommen zu werden. Denn Kommunist sei er nie gewesen.

Am 18. Januar begann die Räumung des Lagers. Sie sollte als Todesmarsch in die Geschichtsbücher eingehen.
Yehuda gelang es, nach drei Tagen mit einer Handvoll Kameraden im Lager Gleiwitz zu entkommen.

Für ihn persönlich habe der Krieg nie aufgehört, sagt Yehuda.  Auschwitz würde ihn unaufhörlich verfolgen.
“Es ist unmöglich zu vergessen, was ich durchgemacht habe. Auschwitz kann ich nicht vergessen. Wer in Auschwitz war, träumt jede Nacht davon. Mit Leuten, die mit dir dort waren, redest du ständig darüber. Du kannst trinken, tanzen, feiern. Am Ende redest du über Auschwitz. Für Leute wie mich ist der Krieg nicht zu Ende.”

Robert Tomashov, geb. 1915, saß am 8. April 1944 in Budapest Eichmann gegenüber. Nachdem er von Schergen der Gestapo Peitschenhiebe bekommen, dass er dachte sein Kopf falle herunter,  habe er Eichmann angefleht ihn zu verschonen, doch der habe ihm nur entgegnet: “Hinüber zu den anderen Banditen”, was bedeutete, dass er für den Transport nach Auschwitz bestimmt war.

tomashov

Er kam in ein Gefangenenlager, wo ca. 1000 Juden interniert waren, die für den Transport nach Auschwitz bestimmt waren. Als er dort auf dem Boden saß und sein bitteres Schicksal vor Augen hatte, ging ein ungarischer Gendarm durch das Lager und schrie, dass jemand gesucht würde, der vom Russischen uns Ungarische übersetzen könne. Tomashov reagierte erst als er den Gendarm sich wiederholte. Wohl wissend, dass er Tschechisch, Ungarisch, Deutsch und Polnisch beherrschte, aber nur ein paar wenige Brocken Russisch. Tomashov wurde in einen Raum mit einem Schreibtisch und einer Schreibmaschine gebracht, wo er Transportscheine für 60 festgenommene Ukrainer ausfüllen sollte, die ihm einer nach dem anderen vorgeführt wurden. Irgendwann entdeckte er in einer der Schubladen des Schreibtisches einen Bündel gestempelter Passierscheine. Passierscheine für den Ein- und Ausgang mit Begleitung und solche ohne Begleitung. Er nutzte einen kurzen Augenblick, in dem er unbeaufsichtigt war, um sich einen Passierschein für den Ein- und Ausgang ohne Begleitung aus der Schublade zu fischen. Die ungarischen Angestellten beendeten um fünf Uhr ihre Arbeit und trugen dem jungen Juden auf, die Transportscheine bis zum Morgen fertig zu machen. Aus ihren Gesprächen hörte Tomashov heraus, dass die Lagergebäude geschlossen würden. Er wartete den Moment ab, in dem die Wächter ihre Posten verließen, nahm den Stapel Transportscheine, die er ausgefüllt hatte und ging ins Erdgeschoss, wo er auf einen Wächter traf, dem er sagte, dass er seine Arbeit beendet habe und jemanden suche, dem er die Transportscheine übergeben könne. Der Wächter antwortete, dass er zunächst das Gebäude abschließen müsse und sich dann um ihn kümmern würde. Als er aus seinen Augen verschwunden war, beeilte sich Tomashov zum Lagertor zu gelangen, wo er den Wächtern seinen Passierschein zeigte. Einer der beiden Wächter zögerte, ließ sich aber von einem weiteren Wächter, der dazu kam, versichern, dass alles in Ordnung sei.
Mehr als 70 Jahre später wundert sich Robert Tomashov, woher er an diesem Tag die Kaltblütigkeit und die Kraft nahm, diesen waghalsigen Ausbruch zu unternehmen.
Ohne zurückzuschauen verließ Tomashov das Lager. Zunächst fand er Unterschlupf bei einem Verwandten, dann bei einem Juden, der unter falscher Identität lebte. Dort bekam er auch mit, dass nach einem entkommenen Juden, der geheime Papiere gestohlen habe, gesucht würde.
Ihm war klar, dass er Ungarn verlassen müsse.

Mit einigen anderen jungen Männern gelang es ihm die ungarisch-rumänische Grenze zu überqueren und bei der jüdischen Gemeinde in Arad Zuflucht zu finden. Der Plan von Robert Tomashov war nach Constanza zu gelangen, um dort ein Schiff nach Palästina zu nehmen. Als es ihm gelang in den Zug nach Bukarest zu steigen, sah es so aus, als ob er den Deutschen endgültig entkommen würde. Ein Einreisezertifikat wartete auf seinen Namen ausgestellt in Constanza. Doch als eine der Bahnbrücken gesprengt wurde, musste der Zug kehrt machen. Und die Chance kam nicht wieder. Kurz darauf wurden auch in Arad die Juden zusammengetrieben.

Pessach Anderman schreibt in seinem Buch „Der Wille zu leben“, dass der  Daseinskampf auf Leben und Tod für ihn notgedrungen zur selbstverständlichen alltäglichen Gewohnheit” wurde.

Über die schrecklichen Dinge, die er durchgemacht hat, schwieg Pessach Anderman sechzig Jahre. Er habe eine Stahlwand um die Vergangenheit errichtet, sagt der Holocaustüberlebende. Als seine Enkelkinder erwachsen wurden, fühlte er sich verpflichtet seine Geschichte zu erzählen und hat sie in dem Buch “כוח החיים” niedergeschrieben. Um künftigen Generationen von Israelis zu verstehen zu geben, woher sie gekommen seien und sie für den weiteren Aufbau ihrer Nation zu stärken.
Und um künftigen Generationen von Nicht-Israelis die Begründung für den jüdischen Staat darzulegen.
Er gehoerte zu den letzten verbliebenen Bewohnern des Ghettos Buczacz, die ins Ghetto Tluste transferiert wurden.  Als die SS für eine Aktion im Ghetto Tluste anrückte, flüchteten Pessach und gelangte auf einen Heuboden, von dem aus er beobachten konnte, wie rund 40 Juden, die aus dem Ghetto geflohen waren, von ukrainischen Hilfstrupps der SS zusammengetrieben wurden. Um Munition zu sparen wurden sie mit Mistgabeln ermordet. Die Bilder, so sagt Pessah, verfolgten ihn immer noch. Er harrte zwei Tage auf dem Heuboden aus.

© Florian Krauss
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Zurück im Ghetto fand er sowohl seine Schwester als auch seinen Vetter Edzion am Leben. Edzions Eltern wurden dagegen mit anderen Bewohnern des Ghettos auf einem nahen Hügel erschossen. Pessach und seine Schwester ließen sich für die Zwangsarbeit rekrutieren. Diese bestand in unmenschlich harter Feldarbeit, die unter der Aufsicht eines ukrainischen Aufsehers und eines polnischen Kommandanten mit einer Peitsche stand.

Es gab Selektionen und Gerüchte über Massaker in nahen Arbeitslagern. Als eine Todesschwadrone der SS im Lager ankam, gelang es Pessach, seiner Schwester und 12 weiteren Insassen auf eine nahe gelegene Anhöhe unter einen großen Baum zu fliehen, wo sie von ukrainischen Hilfstruppen der SS eingeholt wurden. Pessach und seiner Schwester gelang die abermalige Flucht in ein Weizenfeld, wo sie in einer Furche überlebten, während die 12 anderen hingerichtet wurden. Sie schlichen sich ins Lager zurück, wo viele dem Massaker zum Opfer gefallen waren. Später flüchtete sich Pessach während eines Arbeitsgangs zu einer Bauersfamilie, wo er als Tabaktrockner anzuheuern gedachte. Er wurde erwischt und unter Peitschenhieben zurück zur Arbeit gezwungen, wo ihn der Aufseher weiter zurichtete.

Näher als je kam Pessach dem Tod, als ihm eine Gruppe Ukrainer eine Patrone auf die Stirn band und diese mit Schlägen auf die Hülsenspitze auslöste. Pessach brach blutend zusammen, starb aber nicht. Er erlitt eine schwere Entzündung an der er  zu Grunde gehen drohte. Ein Teil der Patronenhülse steckte in seiner Stirn.

“Ohne das Mitwirken von Ukrainern, Polen, Litauern und Angehörigen anderer Völker”, schreibt Pessach im Geleitwort zu seinem Buch, “hätten die Deutschen die Massenvernichtung der Juden nicht bewerkstelligen können”.

Die inzwischen verstorbene Bewohnerin Chaia Smitzkowicz stammte aus Chorzow in Oberschlesien. Wie viele meiner Bewohnerinnen und Bewohner aus Schlesien, der Bukowina oder Siebenbürgen war sie aus einer Familie sich zum Deutschtum bekennender Juden, deren Umgangssprache Deutsch war. Menschen, deren Naziplage jene Volksdeutschen waren, die in Deutschland als Vertriebene gerne zu den Opfern des zweiten Weltkrieges gezählt werden.

Chaia Smitzkowicz hat eine Massenerschießung durch die Wehrmacht überlebt, indem sie sich tot gestellt hat. Ihre Eltern und ihre Familie kamen im Kugelhagel um, während sich die Volksdeutschen gefreut haben, dass Chorzow als Königshütte ins Reich kam.

Chaia Smitzkowicz kam als Zwangsarbeiterin auf einen Hof in der Oberpfalz, weil sie von deutschen Soldaten, die sie auf der Straße aufgegriffen haben für eine Polin gehalten wurde. Auf dem Hof, auf dem auch andere polnische Zwangsarbeiter und französische Kriegsgefangene waren, hatte sie Jahre lang Todesangst, als Jüdin erkannt zu werden. Der Gutsherr war ein überzeugter Nazi mit einer SA Tätowierung am Oberarm. Als sie nach dem Einmarsch der Amerikaner vom Hof gegangen ist, hat sie ihm eröffnet, dass sie Jüdin ist. Sie sagt, dass sie sich oft überlegt hätte, wie sie durch das Fenster springen würde, wenn sie auffliegt. Vom Holocaust hatte sie eine ungefähre Vorstellung, da die polnischen Zwangsarbeiter ein kleines Radio versteckt hielten und ausländische Nachrichten hörten. Ihr Mann war Zwangsarbeiter bei Messerschmitt in der Oberpfalz. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gelang ihm die Flucht. Er versteckte sich in einem Hühnerstall und bekam Thyphus. Als er sich den einrückenden amerikanischen Truppen vor die Füße warf, konnten diese nicht glauben, was sie sahen. Sie brachten ihn in ein Krankenhaus und er überlebte.

Die inzwischen verstorbene Rena Wiener, hatte im Heim zwei – inzwischen auch verstorbene – Jugendfreundinnen aus Lodz mit denen sie dort in die Tanzschule ging.
Als ich die Rena Wiener fragte, wie sie den Krieg ab dem Einmarsch der Deutschen in Polen erlebt hätte, gab sie mir zunächst ein Buch “Ghetto Litzmannstadt. Das letzte Ghetto”. Ein Begleitbuch zu einer Ausstellung in Yad Vashem über das Ghetto in Lodz, das von April 40 bis August 44 bestand. Das Buch beschreibt die Hoffnung der Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos durch die Verrichtung kriegswichtiger Arbeit für die Deutschen den Krieg zu überleben. Ein Blick auf das Leben im Ghetto aus der Sicht der internierten Juden. Die Anstrengungen, Menschlichkeit , Mitgefühl und überhaupt den jüdischen Ethos in der Hölle des Ghettos zu erhalten. Soziale Aktivitäten, die trotz Erschöpfung und Hunger zu Stande kamen.

Rena Wiener gelangte im August 1944 nach Birkenau und von dort nach nur drei Tagen  in das KZ Stutthof bei Danzig und von dort im November 1944 in ein Außenlager des KZ Flossenbürg nach Dresden, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. In Dresden überlebte sie die Bombardierung der Stadt mit zweihundert anderen jüdischen Zwangsarbeitern in einem Luftschutzkeller. Als sie aus dem Keller kam und die zerstörte Stadt sah, hätte sie kein Mitleid mit den umgekommenen Deutschen empfinden können, gab sie zu. Von Dresden wurden die Zwangsarbeiter dann auf einen Todesmarsch ins Konzentrationslager Theresienstadt gezwungen. Auf dem Weg verlor sie ihren Bruder. Als Theresienstadt befreit wurde, gehörte sie zu den Überlebenden.

Auch Sarah Fuss aus Lodz gehörte zu den Juden, die mit der endgültigen Liquidierung des Ghettos im August 1944 nach Birkenau deportiert wurden. Sie erinnert sich, wie sie ihrer letzten Habe beraubt und kahl geschoren wurde und nach einer Desinfektion in der gestreiften Häftlingskleidung auf ihre Verlegung in die Baracken gewartet habe. Das Eintreffen eines Briefes mit dem Gesuch 500 Zwangsarbeiterinnen für die Rüstungsproduktion bei Dresden zu stellen, brachte sie umgehend heraus aus Birkenau. Sie arbeitete in einem Betrieb der Luftwaffe in einem alten Fabrikgebäude mit großen Fenstern durch die sie eines Tages sah, wie sich der Himmel schwarz färbte. Der Himmel sei nicht mehr zu erkennen gewesen, versichert sie und fügt an, dass sie sich gewundert habe, dass sich die Bomber nicht gegenseitig behinderten. Von Dresden wurden die Zwangsarbeiterinnen ins KZ Mauthausen getrieben, das kurz danach befreit wurde. Sie sah völlig ausgemergelte Insassen des KZ, die sich nach der Befreiung auf Essen stürzten, das ihr Körper in der Menge nicht mehr verdauen konnte und sie umbrachte.

Im Gegensatz zum Ghetto Warschau oder Wilna gab es in Lodz keinen militärischen Widerstand. “Wir waren gute Kinder”, sagt Rena Wiener mit bitterem Zynismus.
Die Erinnerungen von Rena Wiener an das Leben im Ghetto Litzmannstadt sind traumatisch. Die ersten zwei Jahre ging sie zur Schule, die von der Ghettoverwaltung betrieben wurde. Ihrer Mutter sei es sehr wichtig gewesen, dass sie lernen würde, um nach dem Krieg studieren zu können, erinnert sie sich. In der Schule gab es am Anfang Suppe und Koteletts für die Schülerinnen und Schüler, dann wurden zunächst die Koteletts gestrichen und später auch die Suppe. Schließlich wurde die Schule liquidiert. Sie selbst begann in einer Näherei zu arbeiten. Die Arbeitsbedingungen waren unmenschlich und forderten viele Menschenleben. Doch war im Ghetto die Ansicht verbreitetet, dass die Arbeit vor den Deportationen schützte.
Als sie sich aber September 42 vor den Häusern aufstellen mussten und die SS selektierte und Lastwagen die Aussortierten abtransportierten, sei klar gewesen, wohin es für diese ginge. In den Tod.
Nach der bekannt gewordenen Ermordung von Deportierten aus dem Ghetto Wilna, wurde Anfang 42 von dort ausgehend, durch die zionistischen Jugendbewegungen die Einschätzung verbreitet, dass alle Juden in Europa vernichtet werden sollten. Die Annahme setzte sich allmählich als Gewissheit durch.
Ein Jude, der aus dem Vernichtungslager Chelmo flüchten konnte, gab Anfang 42 im Ghetto Warschau detaillierte Auskunft über den Massenmord.

Der inzwischen verstorbene Heimbewohner Ephraim Perlmann lebte mit seinem Vater und seinem Bruder in einem Zimmer in einer Wohnung im Ghetto Warschau. Seine Mutter und Schwestern lebten auf Weisung des Vaters getrennt von ihnen. Als die Deutschen begannen das Ghetto zu verkleinern, übten Ephraim Perlmann und sein Bruder hinter einen Schrank zu steigen, der vor einer kleiner Ausbuchtung in der Wand stand. Als der Vater bei einer Aktion 1942 abgeholt wurde, blieben Ephraim und sein Bruder unentdeckt. Der Vater hätte nach Einmarsch der Nazis nach Palästina auswandern wollen, erzählte Ephraim Perlmann. Doch der Familie fehlte das Geld. Als die Deportationen 43 wieder aufgenommen wurden, begannen die Vorbereitungen für den Aufstand, der zu Ostern ausbrechen sollte. Bunker wurden angelegt und Dachböden verbunden. Einer der Kämpfer sagte zu Ephraim , dass sie den Transporten ein Ende setzen würden. Kein Jude aus dem Ghetto würde mehr nach Treblinka gebracht. Ab jetzt, sagte er zu Ephraim, würden sie alle im Ghetto sterben.
Ephraim Perlmann und sein Bruder zogen sich weite Kleider an, einige Nummern zu groß, um für die Arbeit in einer der Fabriken rekrutiert zu werden. Sie verabschiedeten sich von der Mutter. Sie kamen bei Skoda unter und schafften es, sich in den Nächten in die Bunkeranlagen der Polen zu stehlen, die den Juden eigentlich verboten waren. Der Aufstand brach aus und als sie ins Ghetto zurückkehrten, um nach der Mutter und den Schwestern zu schauen, waren diese nicht mehr da. Ganze Straßen waren verbrannt. Die Deutschen konnten mit den Aufständischen nicht anders fertig werden, als ganze Straßen anzuzünden. Seine Familie, so erklärte es Ephraim Perlmann unter Tränen einmal, sei schrittweise ausgelöscht worden. Sein Bruder, inzwischen der Einzige, der ihm geblieben war, hatte Thyphus und der einzige Ort, an den er gebracht werden konnte, war eine Art Krankenhaus, dass noch verblieben war. Als Ephraim am nächsten Morgen nach ihm schauen wollte, war das Krankenhaus liquidiert. Er selbst wurde nur wenig später von der Arbeit weg mit allen anderen jüdischen Arbeitern zum Umschlagplatz gebracht und nach Majdanek transportiert.
In Majdanek hat er den Speisesaal der Lagerverwaltung gereinigt und entkam so den todbringenden Baustellen. Er fand hier und dort Speisereste, während die KZ Häftlinge, die den ganzen Tag riesige Steine schleppen mussten, lediglich den Tod fanden. Von den Arbeiterkolonnen, die auf die Baustellen geschickt wurden, sei kaum jemand zurückgekommen, erzählt er. Im weiteren Verlauf des Krieges kam er nach Polen zum Bau von Panzersperren, die metertief in die Erde gegraben werden mussten, um die vorrückenden Russen aufzuhalten. Sein Zwangsarbeiterhorror setzte sich als Häftling des KZ Buchenwald fort, als er, im Arbeitslager Dora interniert, in die Produktionsstätten der V2 Raketen kam.

Die Erinnerungen an das Grauen waren die Kehrseite der Lebensfreude, die  Ephraim sich bis an sein Lebensende bewahrte. Jeden Abend, so gab er zu, kommen ihm die Bilder  in den Sinn. Oft war ihm vor dem Einschlafen der Schmerz anzusehen. Auch Ephraim bekam Hilfe von Amcha, deren Engagement nicht hoch genug zu bewerten ist.

Nach Kriegsende engagierte sich Ephraim für die Fluchthilfebewegung Bricha.

Nach Verkündung der israelischen Unabhängigkeit am 14. Mai 1948 griffen fünf arabische Armeen an, um den jüdischen Staat zu vernichten. Im Norden syrische, irakische und libanesische Armeen, im Süden die ägyptische Armee und aus Jordanien die arabische Legion, eine von den Briten aufgebaute und ausgeblidete Armee, die von britischen Offizieren kommandiert wurde.

Der Bruder von Miri fiel im israelischen Befreiungskrieg. Ein Kondolenzschreiben von Ben Gurion hängt in ihrer Wohnung

Ephraim Perlmann diente während des Unabhängigkeitskrieges in der Palmach Brigade Negev. Ephraim Perlmann erzählte mir, dass die Israelis keine andere Option gehabt hätten, als den Krieg zu gewinnen und es am Kampf um die Unabhängigkeit keine Zweifel gegeben hätte. Er erinnert sich noch an die Kämpfe in der Wüste und daran, wie der Negev von den vorrückenden Ägyptern abgeschnitten wurde. Leichte Pipercub Flugzeuge haben Mazzen für die Soldaten abgeworfen, die anders nicht mehr versorgt werden konnten.

Die Ägypter boten Panzer, schwere Artillerie und Jagdbomber auf, während es auf jüdischer Seite zu Kriegsbeginn trotz numerischer Unterlegenheit weniger Gewehre als Verteidiger gab und kein schweres Kriegsgerät. Um Tel Aviv zu erobern musste die ägyptische Armee die Küste hinauf und damit zunächst über den Kibbuz Yad Modechai. Die Kollektivsiedlung wurde 1943 von einer Gruppe des HaShomer HaTzair gegründet, der es als eine der Letzten noch gelungen ist, Polen zu verlassen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges nahm der Kibbuz eine Reihe von Holocaustüberlebenden auf.  Als die vorrückende ägyptische Armee auf Yad Mordechai traf, befanden sich dort keine Hundert wehrfähige Männer und Jungen, bewaffnet lediglich mit zwei Maschinengewehren und zwei Mörsern, einer Reihe Gewehre unterschiedlichsten Alters und Molotowcocktails. Trotz Unterstützung durch die Luftwaffe brauchten die Ägypter fünf Tage, um den Kibbuz einzunehmen. Die Maschinengewehre der jüdischen Kämpfer waren schon unbrauchbar, die Munition für die Gewehre zu Ende und ein Drittel der Verteidiger gefallen.  Im Museum des Kibbuz wird die Verbindung zwischen Holocaust, dem Widerstand gegen die Nazis, der Errichtung des Kibbutz und der erbittert geführten Verteidigung herausgestrichen.

Die schicksalsträchtigste Schlacht des israelischen Befreiungskrieges galt Jerusalem. Zu Beginn des Befreiungskrieges war Jerusalem nicht gefallen, aber belagert und von der Versorgung abgeschnitten. Viele strategisch bedeutende Stellungen für die Kontrolle nach Jerusalem fielen nach Abzug der Briten an die Arabische Legion.
Die wichtigste dieser Stellungen war Latrun.
Mit Latrun in den Händen der Arabischen Legion war Jerusalem von der Versorgung abgeschnitten. In der Stadt selbst legte die Arabische Legion den jüdischen Teil der Stadt unter Dauerbeschuss und drückte auf eine Eroberung der Altstadt. Stellungen rund um die Stadt wechselten mehrmals zwischen den israelischen Streitkräften und der Legion. Unter der intensiven Belagerung und dem Dauerbeschuss wurde der jüdischen Bevölkerung viel abverlangt. Die Altstadt fiel. Die Juden in Jerusalem waren akut vom Aushungern bedroht.

Moshe wurde für die Palmach Brigade Har’El rekrutiert. Er kämpfte Seite an Seite mit vielen anderen Holocaustüberlebenden.
Er wurde beim Kampf gegen die Belagerung Jerusalems eingesetzt. Er erinnert sich an eine Schlacht um Latrun, bei dem viele seiner Kameraden gestorben sind. Latrun überschaute den Versorgungsweg nach Jerusalem und ohne die Einnahme Latruns war die Blockade Jerusalems nicht zu durchbrechen. Die Schlacht war bereits der dritte gescheiterte Versuch Latrun einzunehmen.

Im Geleitwort zu seinem Buch „Der Wille zu leben“ schreibt Pessach Anderman: „Ich empfinde auch tiefe Trauer über den tragischen Tod mehrerer hundert junger Männer, Holocaustüberlebenden, letzten Vertretern ihrer ermordeten Familien, die während des israelischen Unabhängigkeitskrieges ins Land kamen, sofort an die Front geschickt wurden und auf dem Schlachtfeld fielen. Viele sprachen kaum Hebräisch und hatten nicht mal eine Grundausbildung an der Waffe erhalten. Einige junge Männer, die mit mir in jordanischer Gefangenschaft waren, erzählten uns, sie seien direkt vom Schiff in die erbitterten Gefechte an der Front bei Latrun, in den Jerusalemer Vorbergen, geschickt worden.“

Moshe Givon war einer von vielen Juden, die mit einer Nummer am Arm in den Kampf für den Staat gezogen sind. Er wusste, dass mit dem jüdischen Staat nicht weniger als die jüdische Existenz auf dem Spiel stand.
Sein Bruder, der den Krieg in russischer Gefangenschaft überlebte und auch nach Erez Israel auswanderte, fiel im Unabhängigkeitskrieg.

Der Krieg endete mit den Waffenstillsandslinien von 1949, die als „Grenzen von 67“ bekannt sind, und in Israel auch „Auschwitz-Grenzen“ genannt werden.

1967 als die Zeichen erneut auf arabische Invasion standen, erklärte der erste Vorsitzende der PLO, Ahmed Shukeiri, dass alle Israelis, die den Krieg überleben würden, bleiben dürften und fügte aber hinzu, dass er nicht davon ausgehe, dass es viele Überlebende geben würde. Unter den Israelis herrschte Sorge und Angst. Durch Ägypten wütete der Mob und die Israelis konnten sich auf den Auslandssendern vom Judenhass auf den Straßen des großen Nachbarlandes überzeugen. Den Israelis war klar, dass die Araber einen erneuten Versuch unternehmen würden, den jüdischen Staat zu vernichten. Die mächtige ägyptische Armee, die syrische Armee und die irakische Armee, die in Jordanien in Stellung ging, boten doppelt so viele Truppen wie die Israelis auf, dreimal so viele Panzer und mehr als dreimal so viele Kampfflugzeuge.
Chaia Smitzkowicz erzählte mir von der qualvollen Furcht die sie in den Tagen vor Ausbruch des Krieges gespürt hätte. Der damalige Kommandanten der Fallschirmjäger Uzi Narkiss legt in einer Dokumentation dar, dass die Belagerung von allen Seiten das Gefühl erzeugt hätte, von aller Welt verlassen zu sein und dass sich dieses Gefühl mit der Erfahrung des Holocaust verbunden hätte. Die Folge einer Invasion wäre die Vernichtung gewesen.

Die Israelis aber kamen ihrer Vernichtung zuvor und konnten nicht nur die militärische Auseinandersetzung für sich entscheiden, sondern auch ihr Gebiet vervielfachen. Nach dem Krieg hielt das israelische Militär den Sinai und den Gazastreifen besetzt. Aufgrund einer unerwarteten Entwicklung des Kriegen fielen den Israelis auch die bis 67 von Jordanien besetzten Gebiete zu. Obwohl er von den Israelis angehalten wurde, sich aus den Kämpfen herauszuhalten, entschied sich Jordanien am Morgen des 5. Juni 1967 den jüdischen Teil von Jerusalem mit Granatbeschuss zu belegen. Im Gegensatz zu 1948 hielt die arabische Legion den jüdischen Truppen 1967 nicht stand. Nach zehn Stunden Straßenkampf war Jerusalem unter israelischer Kontrolle. Es folgte die Eroberung der Gebiete westlich des Jordans. Als Ägypten und Jordanien besiegt waren, nahmen die Israelis schließlich noch den Golan, um den Beschuss des Nordens des Landes zu unterbinden.
Der Sechstagekrieg ist eine herausragende militärische Leistung und ein exzellentes Beispiel für die Notwendigkeit einer überlegenen israelischen Streitkraft.
Zur nächsten konzentrierten militärischen Anstrengung, Israel zu vernichten kam es schon 1973, als ägyptische Truppen israelische Stellungen auf dem Sinai überrannten. Der Yom-Kippur Krieg ist ein schwarzes Kapitel in der israelischen Landesverteidigung und führt vor Augen, wie real die existenzielle Bedrohung für den jüdischen Staat tatsächlich ist, wenn die israelische Armee die Initiative verliert.

Merkels erklärte 2008 vor der Knesset, dass die Sicherheit Israels nicht verhandelbar sei. Lammert bekräftigte im Juni des Jubiläumsjahres 2015 in einer Rede vor der Knesset, dass die besondere Verantwortung für Israel Teil der deutschen „Staatsräson“ sei. Am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust sei an die besondere Verantwortung Deutschlands erinnert, als Nachfolgestaat des Dritten Reichs den Wahn eliminatorisch gesinnter Antisemiten nicht zu unterschätzen. Der Holocaust muss als Mahnung stehen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Dazu gehört dem Iran den Griff zur Atombombe zu verwehren, mit der die erträumte Vernichtung Israels möglich wäre. Direkt eingesetzt oder als Schutzschild für die Unterstützung eines Abnutzungskrieges gegen den jüdischen Staat.

Deutschland, dessen Existenzrecht nach Auschwitz nur mit der besonderen Verantwortung für den jüdischen Staat gedacht werden kann, darf die Augen nicht davor verschließen, dass die Ideologie, die der Vernichtung von sechs Millionen Juden zu Grunde lag, von einem Regime geteilt wird, das mit der heutigen Aufhebung der Sanktionen zur Hegemonialmacht im Nahen Osten gemacht werden soll.

Wer es mit dem Imperativ “Nie wieder” ernst meint, muss die Restaurierung der wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran von dessen Haltung zu Israel abhängig machen. Das wäre eine angemessene Form des Gedenkens

Text: Oliver Vrankovic

2 Gedanken zu „Die letzten Zeugen

  1. Guten Tag Oliver Vrankovic, vor wenigen Tagen hörte ich von Ihnen im Radio (Deutschlandsender) und über „Die letzten Zeugen“. Erschütternd was Ihnen diese Menschen erzählt und anvertraut haben und noch erzählen werden. Es ist gut, dass Sie diese Schicksale aufschreiben und veröffentlichen und so dem Vergessen entgegen treten. Sollten Sie „Die letzten Zeugen“ in einem Buch veröffentlichen, möchte ich es gerne erwerben. 1995 war ich auf einer 2wöchigen Bibelreise in Israel – bewegend und unvergesslich!
    Ich grüße Sie aus Hattenhofen. Dort lebe ich seit 10 Jahren als Puppenmacherin.
    Ina Eggert.

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